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Band X (1995)Spalten 493-498 Autor: Siegfried Kreuzer

SIMSON. Israelitischer Held der vorstaatlichen Zeit aus dem Stamm Dan, als dieser noch im Grenzgebiet zu den Philistern lebte. Der Name bezieht sich auf die Sonne (Sch�m�sch) und h�ngt m�glicherweise urspr�nglich mit dem im nahe gelegenen Ort Beth-Sch�m�sch verehrten Sonnengott zusammen. In der griechischen �bersetzung ist der Name als Sampson, in der lateinischen �bersetzung als Samson wiedergegeben. - Die Erz�hlungen �ber S. (Ri 13-16) bilden einen Anhang zu den eigentlichen Richtererz�hlungen und spiegeln das konfliktreiche Nebeneinander mit den sich ebenfalls im 12. Jh.v.Chr. konsolidierenden Philistern. Ri 14 berichtet von der Eheschlie�ung des S. mit einer Philisterin, offensichtlich in Form einer Besuchsehe. Unterwegs zu den Hochzeitsverhandlungen in Timna im Sorektal begegnet ihm ein L�we, den er - gest�rkt durch den �Geist des Herrn� - zerrei�t. Als S. zur�ckkommt, hat sich inzwischen ein Bienenschwarm eingenistet, dessen Honig er sich nimmt. Der Vorgang dient ihm als Hintergrund f�r ein R�tsel, das S. w�hrend der siebent�gigen Hochzeitsfeier den Philistern stellt. Diese k�nnen das R�tsel durch Verrat der Braut l�sen. S. geht zornig nach Hause. Als er nach einiger Zeit seine Frau aufsuchen will, stellt er fest, da� diese inzwischen dem Brautf�hrer zur Frau gegeben wurde. Auf Grund dieses Rechtsbruchs z�ndet S. die erntereifen Felder an, indem er F�chse f�ngt, paarweise aneinanderbindet und sie mit brennenden Fackeln in die Felder laufen l��t. Daraufhin verbrennen - offensichtlich im Sinn des Talionsprinzips - die Philister das Haus und die Familie seines timnaitischen Schwiegervaters (15,6). S. r�cht diesen Mord, indem er Philister erschl�gt. Im nun folgenden Kriegszug wird S. an die Philister ausgeliefert und gefesselt abgef�hrt. Wieder kommt der Geist des Herrn �ber ihn, er zerrei�t die Stricke, und mit einem blo�en Eselskinnbacken erschl�gt er 1000 Philister. In einer kleineren Episode (16,1-3) geht S. zu einer Dirne nach Gaza, wo man ihn festhalten und fangen will, indem die Stadt abgeriegelt wird. Er aber hebt die Stadttore aus und tr�gt sie bis Hebron davon. In der weithin zu 14 f sehr �hnlichen Erz�hlung in 16,4-31 schlie�lich verbindet sich S. mit einem M�dchen aus dem Tal Sorek. Diesmal wird nicht ihr Wohnort, aber daf�r ihr Name Delila mitgeteilt. Im Auftrag der �F�rsten der Philister� gelingt es Delila nach zuerst vergeblichen Versuchen, S. das Geheimnis seiner Kraft zu entlocken. Sie schneidet ihm im Schlaf die Haare ab, womit er seine Kraft verliert und von den Philistern gefangen genommen werden kann. S. wird geblendet und mu� als Gefangener in Gaza die M�hle drehen. Sein Haar aber w�chst nach und er erlangt wieder seine fr�here Kraft. Anl��lich eines gro�en Festes im Dagontempel wird S. als Kriegsgefangener und Objekt des Spottes vorgef�hrt. Er aber bringt die tragenden S�ulen und damit den ganzen Tempel zum Einsturz, soda� er durch seinen Tod mehr Philister t�tet als zu seinen Lebzeiten. - Diese sehr urt�mlichen Erz�hlungen wurden durch einige Bemerkungen im Sinn �korrekterer� Verhaltensweisen erg�nzt, z.B. Brautwerbung durch die Eltern (14,1-4); vor allem aber wurde eine Geburtsgeschichte vorangestellt (13). In ihr verhei�t ein Engel der bis dahin kinderlosen Frau des Manoach einen Sohn. Dieser soll als Nasir�er, d.h. als Gott Geweihter, leben. Als solcher soll er seine Haare nicht schneiden, womit die Verbindung zur Delila-Geschichte hergestellt ist. Eine solche Geburtsgeschichte signalisiert eine besondere Bedeutung des Betreffenden: �... er wird anfangen, Israel aus der Hand der Philister zu erretten� (13,5). - Neben den K�mpfen bezeugt die Simsonerz�hlung auch eine Auseinandersetzung mit der Kultur der Philister. Die Bienen im L�wenkadaver und die F�chse mit den Fackeln beziehen sich wahrscheinlich auf religi�se Riten, wie sie im Mittelmeerraum bezeugt sind und wohl auch bei den Philistern bekannt waren. Der Eselskinnbacken verspottet wahrscheinlich das in der Form �hnliche und als Rangabzeichen verwendete kanaan�ische Sichelschwert. Das R�tselwort bei der Hochzeit und die Antwort darauf (14,14.18) sind zugleich R�tsel auf die Liebe. Schon in der Alten Kirche und dann im 19.Jh. wurde die N�he mancher Motive zum Herkulesmythos diskutiert (s. differenziert dazu Roskoff und RE). In neuerer Zeit wird eher auf altorientalische Parallelmotive hingewiesen. Genauere Pr�fung zeigt aber, da� es sich weithin nur um �hnlichkeiten und kaum um wirkliche �bereinstimmungen oder Abh�ngigkeiten handelt. - Nachwirkung: Im Alten Testament kommt S. au�er in Ri 13-16 nicht vor, im Neuen Testament wird er zusammen mit anderen Richtern genannt (Heb 11,32). Bei Josephus wird die Sch�nheit der Frau des Manoach ger�hmt und die zweite Erscheinung des Engels als zur Aufkl�rung und Bes�nftigung der Eifersucht des Manoach erkl�rt. S.s Geschichte wird ausf�hrlich nacherz�hlt; seine Fehler und Schw�chen werden zum Teil als g�ttliche F�gung, zum Teil als typisch f�r die menschliche Natur entschuldigt. Die weitere j�dische �berlieferung besch�ftigt sich sowohl mit St�rken und Tugenden S.s als auch mit seinen problematischen Verhaltensweisen und kommt dementsprechend zu ambivalenten Wertungen. Wie auch sonst in der rabbinischen Literatur werden Spannungen zum biblischen Kontext bedacht und zu l�sen versucht, z.B. da� Abrahams Friedensschlu� mit den Philistern nur f�r drei Generationen gegolten habe und daher S. gegen sie k�mpfen durfte. Andererseits wird S. mit dem sonst unbekannten Richter Bedan (1.Sam 12,11) identifiziert, weil man in diesem Namen den Stamm Dan erw�hnt sah, aus dem S. stammte. - In der mittelalterlichen christlichen Tradition wurde S. oft allegorisch mit Christus verglichen, z.B. wurde S.s Kampf mit dem L�wen mit Christi Kampf gegen den Satan verglichen oder S.s Opfertod, bei dem er viele Feinde vernichtete, mit dem Opfertod Christi, der dadurch die Macht des Teufels vernichtete. Diese Vergleiche sind eher punktuell und k�nstlich. - In Kunst und Literatur der Neuzeit wurde die S.thematik h�ufig aufgegriffen. In B�hnenst�cken, Novellen, Dramen und auch Opern wurden S.s Taten und die zu Grunde liegenden Spannungen thematisiert. Als ein H�hepunkt gilt John Milton's Samson Agonistes, ein St�ck mit stark autobiographischen und zeitgeschichtlichen Akzenten. Auch im 20.Jh. fanden die verschiedenen Aspekte der S.thematik gro�es Interesse, nicht zuletzt bei j�dischen Autoren. In den Titeln spiegeln sich die spezifischen Akzente, etwa Frank Wedekind, Simson oder Scham und Eifersucht (1914), Samson Zuckermandl, Gevurat Shimshon (= die St�rke des S.; 1906), Felix Salten, Simson, das Schicksal eines Erw�hlten (1928) und Samson und Delilah (1931). - Bildhafte Darstellungen finden sich ab der Alten Kirche und durch das ganze Mittelalter hindurch in Gem�lden und in Bibelhandschriften, aber auch in Skulpturen und in Emailarbeiten. Wegen der o.g. allegorischen Deutung wurde besonders oft S. und der L�we dargestellt; so schon in einem Wandgem�lde in der r�m. Katakombe an der Via Latina in der 1. H�lfte des 4.Jh.s. In der Kirche St. Trophime in Arles wurde S. im 12. Jh. zusammen mit Herkules als L�wenk�mpfer dargestellt, in der Renaissance dann wie Herkules. Gro�es Interesse fand die S.geschichte im 16.und 17. Jh., etwa bei Lucas Cranach, Peter Paul Rubens, Anthonis Van Dyck und besonders bei Rembrandt. Im 20. Jh. wurde vor allem S. und Delilah unter modernen Akzenten dargestellt, so von Max Liebermann und Jacob Steinhardt. - Eine fr�he musikalische Bearbeitung des Themas findet sich im 13. Jh. und dann in gr��erer Breite und wechselnder Qualit�t ab dem 17. Jh., u.a. Georg Friedrich H�ndels Oratorium Samson (1741). Im 20. Jh. erhielt das S.thema in Israel auch nationale Akzente (s. EJ).

Quellen: Richter 13-16.

Lit.: Gustav Roskoff, Die Simsonsage und der Heraklesmythos, 1860; - Otto Ei�feldt, Die R�tsel in Jdc 14, ZAW 30, 1910, 132-135; - Herrmann Gunkel, Simson, in: Reden und Aufs�tze, 1913, 38-64; - R. Lehman-Nitsche, Simsons Kinnbacken. Die urzeitliche Verwendung von Unterkieferh�lften als Waffe und Werkzeug und deren Entwicklung, MZ 26, 1931, 78-83; - ders., Simsons Eselskinnbacken, FuF 8, 1932, 120 f; - Hans Wilhelm Hertzberg, Die B�cher Josua, Richter, Ruth, ATD 9, 1953; 61986; - Franz B�mer, Die r�mischen Ernteopfer und die F�chse im Philisterlande, WSt 69, 1956, 372-384; - Joseph Blenkinsopp, Some Notes on the Saga of Samson and the Heroic Milieu, Scripture 11, 1959, 81-89; - James A. Wharton, The Secret of Yahweh: Story and Affirmation in Judges 13-16, Interpretation 27, 1973, 48-66; - Heinrich Margulies, Das R�tsel der Biene im Alten Testament, VT 24, 1974; - Gerhard von Rad, Die Geschichte von Simson, in: (Hrsg.) O.H. Steck, Gottes Wirken in Israel. Vortr�ge zum Alten Testament, 1974, 49-52; - James L. Crenshaw, The Samson Saga: Filial Devotion or Erotic Attachment?, ZAW 86, 1974, 470-504; - ders., Samson, 1978; - Robert G. Boling, Judges. Introduction, Translation and Commentary, AncB 6, 1975; - R�diger Bartelmus, Heroentum in Israel und seiner Umwelt, 1979, 79-111; - J. Cheryl Exum, Promise and fulfillment: Narrative Art in Jugdes 13, JBL 99, 1980, 43-59; - dies., The theological dimension of the Samson saga, VT 33, 1983, 30-45; - R. Mayer-Opificius, Simson, der sechslockige Held?, UF 14, 1982, 149-151; - Robert Wenning/Erich Zenger, Der siebenlockige Held Simson. Literarische und ikonographische Beobachtungen zu Ri 13-16, BN 17, 1982, 42-55; - Stanislav Segert, Paronomasia in the Samson Narrative in Judges XIII-XVI, VT 34, 1984, 454-461; - Hartmut Gese, Die �ltere Simson�berlieferung (Richter c.14-15), ZThK 82, 1985, 261-280; - J�rgen Kegler, Simson - Widerstandsk�mpfer und Volksheld, BDBATS 5 = Theologische Brosamen f�r Lothar Steiger, Heidelberg 1985, 233-255; - Claudia Nauerth, Simsons Taten. Motivgeschichtliche �berlegungen, DBAT 21, 1985, 94-120; - Philip Nel, The Riddle of Samson (Judg 14,14.18), Bib 66, 1985, 534-545; - John Gray, Joshua, Judges, Ruth, NCBC, 1986; - Othniel Margalith, Samson's riddle and Samson's magic locks, VT 36, 1986, 225-234; - ders., More Samson legends, VT 36, 1986, 397-405; - ders., The Legends of Samson/Heracles, VT 37, 1987, 63-70; - Y. Thompson, Samson in Timnah. Judges 14-15: Form and Function, Dor le Dor 15, 1987, 249-255; - Lillian R. Klein, The Triumph of Irony in the Book of Judges, JSOT.SS 68, 1988, 109-139; - B. Merideth, Desire and Danger: The Drama of Betrayal in Judges and Judith, JSOTS 81, 1989, 63-78; - Robert Alter, Samson without Folklore, in: S. Niditch (ed.), Text and Tradition: The Hebrew Bible and Folklore, Atlanta 1990, 47-73; - Claudia V. Camp/Carole R. Fontaine, The Words of the Wise and Their Riddles, in: S. Niditch (ed.), Text and Tradition: The Hebrew Bible and Folklore, Atlanta 1990. 127-159; - Susan Niditch, Samson as Culture Hero, Trickster, and Bandit. The Empowerment of the Weak, CBQ 52, 1990, 608-624; - Winfried Bader, Simson bei Delila: Computerlinguistische Interpretation des Textes Ri 13-16, T�bingen 1991; - K.F.D. R�mheld, Von den Quellen der Kraft (Jdc 13), ZAW 104, 1992, 28-52; - A. Reinhartz, Samson's Mother: An Unnamed Protagonist, JSOT 55, 1992, 25-37; - Manfred G�rg, Richter, NEB 31, W�rzburg 1993; - Dangel, O., Computerlinguistische Interpretation. Kritische W�rdigung zu Winfried Bader, Simson bei Delila ... Ri 13-16, BN 69, 1993, 56-86; - Jichan Kim, The Structure of the Samson Cycle, Kampen 1993. - Zur Nachgeschichte: Th. Ehrenstein, Das Alte Testament im Bilde, Wien 1923; - K. Gerlach, Der Simsonstoff im Drama, 1929; - F. Krouse, Milton's Samson and the Christian Tradition, 1949; - W. Kirkconnell, Invincible Samson, 1964; - Klaus Weiss, Typologie des Alten Testaments in John Miltons Samson Agonistes: Probleme, Analysen und Sichtweisen, in: (Hrsg.) Franz Link, Paradeigmata. Literarische Typologie des Alten Testaments, Schriften zur Literaturwissenschaft 5/1, 1989, 281-297; - RE XVIII, 371-374; - LThK2 IX, 301 f; - BHH III, 1799-1800; - RGG3 VI, 41-43; - IDB IV, 198-201; - GBL III, 1448; - ABD V, 950-954; - J�d.Lex. V, 431-434; - Jew.Enc. XI, 1-2; EJ XIV, 771-777.

Siegfried Kreuzer

Literaturerg�nzung:

Barbara Hutzl-Ronge, Feuerg�ttinnen, Sonnenheilige, Lichtfrauen, 2000, 106, 108-111, 190.

Letzte �nderung: 03.12.2003