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Marģers Vestermanis

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BERJAYA
Marģers Vestermanis im Museum Juden in Lettland

Marģers Vestermanis (* 18. September 1925 in Riga, Lettland; † 30. Juli 2026 ebenda) war ein lettischer Holocaustüberlebender, Historiker sowie Gründer und langjähriger Direktor des Museums Juden in Lettland.[1]

Jugend und Zweiter Weltkrieg

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Marģers Vestermanis wurde als jüngstes von drei Kindern eines Kaufmanns und Fabrikanten in eine großbürgerlich-jüdische, deutschsprachige Familie in Riga geboren.[2] Er besuchte die deutsche Schule seiner Heimatstadt, dann die private jüdische Esra-Schule. Zudem gab ein Rabbiner ihm vom sechsten bis zum fünfzehnten Lebensjahr jüdischen Religionsunterricht.[2]

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wurde er mit 16 Jahren in das von den Nationalsozialisten errichtete Ghetto Riga verschleppt. Er arbeitete dort als Möbeltischler. Anschließend wurde er im KZ Riga-Kaiserwald interniert, danach musste er Zwangsarbeit auf dem SS-Truppenübungsplatz Seelager und in den benachbarten Lagern Poperwahlen und Dondangen leisten.[3] Im Juli 1944 gelang ihm bei einem Todesmarsch beim dritten Versuch die Flucht aus Poperwahlen in die Wälder von Kurland, wo er sich dem Widerstand anschloss.[2][1] 1944 lebte er unter falschem Namen in einem Versteck. Die folgenden lebensgefährlichen Monate bis Mai 1945 überstand er im Kurland-Kessel; in den Wäldern hielten sich neben sowjetischen Partisanen und einheimischen Widerstandskämpfern auch desertierte Wehrmachtssoldaten sowie SS-Kollaborateure auf, die nach Geflüchteten und insbesondere nach Juden suchten.[1]

Als einziger seiner Familie überlebte Vestermanis die deutsche Besatzungszeit. Seine Mutter und seine Schwester wurden im Spätherbst 1941 im Wald von Rumbula erschossen, sein älterer Bruder, ein Pianist, wurde im Rigaer Zentralgefängnis ermordet; sein Vater starb im Ghetto an Entkräftung.[1]

Die Jahre unter sowjetischer Herrschaft

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Nach Kriegsende studierte Marģers Vestermanis in Riga Geschichte. Nach seinem Examen arbeitete er im Lettischen Staatsarchiv (Latvijas PSR Centrālais Valsts Vēstures Arhīvs). Er spezialisierte sich auf die Geschichte der lettischen Arbeiterbewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts und publizierte Studien unter anderem zur Geschichte des 1. Mai.

Als er für eine im Jahre 1965, zum 20. Jahrestag des Kriegsendes, erschienene Gedenkschrift des Lettischen Staatsarchivs für die Opfer des Zweiten Weltkrieges ein – sicherheitshalber vorsichtig formuliertes – Kapitel über den Holocaust schrieb,[4] wurde sein Beitrag nicht abgedruckt.[5] Darin hatte er die damals geltende Sprachregelung übertreten, der zufolge die lettischen Juden als Bürger der Sowjetunion ermordet worden waren und nicht als Teil des jüdischen Volkes.[6][7]

Die von ihm benötigten Akten durfte Vestermanis nicht selbst anfordern; ein Politkommissar des Archivs wählte sie aus, und zusätzlich überwachte ein Aufpasser seine Arbeit.[1] Auf der Toilette hielt er zentrale Angaben heimlich auf winzigen Zetteln fest, die später den Ausgangspunkt des von ihm aufgebauten Archivs zur jüdischen Geschichte und zum Holocaust in Lettland bildeten.[1] Nachdem er unter einem Vorwand nach Moskau beordert worden war, wurde er bei seiner Rückkehr fristlos entlassen und mit einem Berufsverbot als Historiker und Geschichtslehrer belegt.[1] Er unterrichtete daraufhin zunächst an einer Berufsschule und später Musik an einem Gymnasium.[1] Gleichwohl erforschte er, neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit als Lehrer und der nebenberuflichen als Journalist,[2] weiterhin – zunächst nur diskret – die jüdische Geschichte in Lettland.

Im unabhängigen Lettland

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Seit der Wiedergewinnung der Unabhängigkeit Lettlands 1990/91 konnte Marģers Vestermanis sich dieser Aufgabe uneingeschränkt widmen. Im Jahre 1990 gründete und eröffnete er in Riga das Museum Juden in Lettland.[7][1] Das Museum und das zugehörige Archiv befanden sich im vierten Stock des Hauses der Jüdischen Gemeinde in der Skolas iela 6; Vestermanis leitete die Einrichtung bis ins hohe Alter.[1]

Vestermanis war Mitglied der 1998 einberufenen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte Lettlands unter deutscher und sowjetischer Herrschaft im 20. Jahrhundert und der Kollaboration von Letten mit den beiden Besatzungsmächten.[8] Die Kommission veröffentlichte in den folgenden drei Jahrzehnten 25 Bände, von denen die Bände 2 und 18 ausschließlich dem Holocaust gewidmet waren.[1]

An der Universität Lettlands in Riga war Marģers Vestermanis Dozent für die jüdische Geschichte Lettlands und den Holocaust in Lettland.[2] Über den Holocaust in Lettland hielt er, als Historiker und Zeitzeuge zugleich, zahlreiche Vorträge in seinem Heimatland wie auch in Deutschland.[9]

In seinen letzten Lebensjahren widmete sich Vestermanis einem umfangreichen Buch über etwa 600 Menschen, die während der deutschen Besatzung Lettlands unter Lebensgefahr Juden gerettet hatten.[1] Er hatte ihre Namen über Jahrzehnte recherchiert und viele der Retter noch selbst befragen können.[1] Da er in seinem letzten Lebensjahrzehnt nahezu erblindet und kaum noch beweglich war, diktierte er der Autorin und Mitarbeiterin Jolanta Treile die Kapitel einschließlich der Quellenfundstellen und überarbeitete die Texte, nachdem sie ihm vorgelesen worden waren.[1] Das Werk mit dem deutschen Arbeitstitel Menschlichkeit ist nicht vergebens erschien zu seinem 100. Geburtstag im September 2025; zum Zeitpunkt seines Todes wurde es mit Mitteln des deutschen Auswärtigen Amts ins Deutsche übersetzt.[1]

Seine letzte öffentliche Rede hielt Vestermanis am 3. Juli 2026 beim lettischen Holocaustgedenktag vor dem Standort der am 4. Juli 1941 niedergebrannten Großen Synagoge in der Gogoļa iela in Riga.[1] Der bereits auf einen Rollstuhl angewiesene Historiker begrüßte dabei die ausdrückliche Verurteilung des lettischen Antisemitismus durch die politische Führung des Landes.[1]

Marģers Vestermanis starb am 30. Juli 2026 in seiner Wohnung in Riga, sechs Wochen vor seinem 101. Geburtstag.[10] Am 4. August 2026 wurde er auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Riga beigesetzt.[1]

Schriften (in Auswahl)

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  • Pirmais maijs Latvijā, 1893–1919. Vēsturiska izzin̡a. Latvijas valsts izdevniecīva, Riga 1957 (lettisch; deutsche Übersetzung des Titels: Der Erste Mai in Lettland, 1893–1919. Ein historisches Aufblühen).
  • Ar Lībknehta Vāciju. Latvijas un Vācijas proletariāta kopīgās revolucionārās cīņas 1917–1919. Latvijas Valsts Izdevniecība, Riga 1960 (lettisch; deutsche Übersetzung des Titels: Mit Liebknecht in Deutschland. Der gemeinsame revolutionäre Kampf des Proletariats Lettlands und Deutschlands 1917–1919).
  • Der Rote Oktober und die Revolutionierung der 8. Deutschen Armee im Baltikum 1917–1918. In: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Jg. 11 (1969), S. 87–101.
  • Tā rīkojās vērmahts. Vācu militāristu loma nacistisko okupantu noziegumos Latvijā 1941–1945. Liesma, Riga 1973 (lettisch; deutsche Übersetzung des Titels: Die Wehrmacht im Einsatz. Zur Rolle der deutschen Militaristen bei den Verbrechen der nazistischen Okkupanten in Lettland 1941–1945).
  • Das SS-Seelager Dondauga – ein Modell für die geplante nationalsozialistische „Neuordnung Europas“. In: Militärgeschichte, hg. vom Militärgeschichtlichen Institut der Deutschen Demokratischen Republik, Jg. 25 (1986), Heft 2, S. 145f.
  • Der lettische Anteil an der „Endlösung“. Versuch einer Antwort. In: Uwe Backes, Eckhard Jesse, Rainer Zitelmann (Hg.): Die Schatten der Vergangenheit. Impulse zur Historisierung des Nationalsozialismus. Propyläen, Berlin 1990. ISBN 3-549-07407-7. S. 426–449.
  • Fragments of the Jewish history of Riga. A brief guide-book with a map for a walking tour. Museum and Documentation Centre of the Latvian Society of Jewish Culture, Riga 1991.
  • Der „Holocaust“ in Lettland. Zur „postkommunistischen“ Aufarbeitung des Themas in Osteuropa. In: Arno Herzig, Ina Lorenz (Hg.): Verdrängung und Vernichtung der Juden unter dem Nationalsozialismus. Shlomo Na’aman zum 80. Geburtstag am 10. November 1992. Hans Christians Verlag, Hamburg 1992. ISBN 3-7672-1173-4. S. 101–130.
  • Juden in Riga. Auf den Spuren des Lebens und Wirkens einer ermordeten Minderheit. Ein historischer Wegweiser. 3., verbesserte und erweiterte Aufl., Edition Temmen, Bremen 1995, ISBN 3-86108-263-2.
  • Der Holocaust im öffentlichen Bewußtsein Lettlands. In: Jahrbuch für Antisemitismusforschung, Jg. 5 (1996), S. 35–45.
  • Ortskommandatur Libau. Zwei Monate deutscher Besatzung im Sommer 1941. In: Hannes Heer, Klaus Naumann (Hg.): Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941–1944. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1997. ISBN 3-86150-198-8. S. 241–259.
  • Die nationalsozialistischen Haftstätten und Todeslager im okkupierten Lettland (1941–1945). In: Ulrich Herbert, Karin Orth, Christoph Dieckmann (Hrsg.): Die nationalsozialistischen Konzentrationslager 1933–1945. Bd. 1. Wallstein-Verlag, Göttingen 1998, ISBN 3-89244-289-4, S. 472–491.
  • Retter im Lande der Handlanger. Zur Geschichte der Hilfe für Juden in Lettland während der „Endlösung“. In: Wolfgang Benz, Juliane Wetzel (Hg.): Solidarität und Hilfe für Juden während der NS-Zeit. Regionalstudien. Bd. 2: Ukraine, Frankreich, Böhmen und Mähren, Österreich, Lettland, Litauen, Estland. Metropol, Berlin 1998. ISBN 3-926893-48-6. S. 231–272.
  • Holocaust in Lettland. Beiträge zur Geschichte der jüdischen Tragödie. Muzejs un dokumentācijas centrs Ebreji Latvijā, Riga 1999.
  • (mit Leo Dribins und Armands Gūtmanis): Latvijas ebreju kopiena. Vēsture, traģēdija, atdzimšana. Latvijas Vēstures Institūta Apgāds, Riga 2001. ISBN 9984-601-64-1 (lettisch; deutsche Übersetzung des Titels: Lettlands jüdische Gemeinschaft. Geschichte, Tragödie, Wiedergeburt). (NB: Das Buch entstand aus der Arbeit der oben erwähnten Historikerkommission.)
  • Die Konzentrationslager für Juden während der nationalsozialistischen Besatzungszeit in Lettland 1943 bis 1944. In: Stefan Karner, Philipp Lesiak, Heinrihs Strods (Hg.): Österreichische Juden in Lettland. Flucht – Asyl – Internierung. Studien-Verlag, Innsbruck 2010. ISBN 978-3-7065-4871-7. S. 149–162.
  • Cilvēcība tomēr nebija mirusi. Ebreju glābšana nacistu okupētajā Latvijā 1941–1945. Apgāds Zinātne, Riga 2025, ISBN 978-9934-599-74-3.

Marģers Vestermanis erzählte sein Leben in dem lettischen Dokumentarfilm Mēs tikai tagad sākam (lettisch: Wir fangen gerade erst an) von Marta Herca (2022).[13] Als Berater war er an einem Dokumentarfilm über den Massenmord an Juden im Wald von Rumbula 1941 beteiligt, dessen Fertigstellung für 2024 angekündigt war.[14] Außerdem wirkte er mit in Rosa von Praunheims Film Meine Mütter – Spurensuche in Riga (2007).[15]

  • Anita Kugler: Ein Museum, das unter die Haut geht. Das jüdische Leben und der Holocaust in Lettland. Mit einer Auswahlbibliographie Marģers Vestermanis. In: Ansgar Koschel, Helker Pflug (Hrsg.): Die vergessenen Juden in den baltischen Staaten. Ein Symposium vom 4. bis 7. Juli 1997 in Hannover. Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1998, ISBN 3-8046-8849-7, S. 169–172.
  • Marģers Vestermanis – Hüter der Erinnerung. In: Oliver Wrochem (Hrsg.): Der Tod ist ständig unter uns. Die Deportationen nach Riga und der Holocaust im deutsch besetzten Lettland / Nāve mīt mūsu vidū, deportācijas uz Rīgu un holokausts vācu okupētajā Latvijā. Metropol, Berlin 2022, ISBN 978-3-86331-681-5, S. 296–298.

Einzelnachweise

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  1. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 Anita Kugler: Historiker Marģers Vestermanis gestorben: Nichts vergessen, aufschreiben, Zeugnis ablegen. In: taz. 4. August 2026, abgerufen am 5. August 2026.
  2. 1 2 3 4 5 Marģers Vestermanis: Versuch einer Selbstbiographie. In: Shalom. Das europäische jüdische Magazin, Heft Herbst 2000, abgerufen am 1. Mai 2014.
  3. Datenblatt mit den Metadaten zur Aufnahme eines Interviews mit Marģers Vestermanis im Jahre 1998.
  4. Latvijas PSR Ministru Padomes Arhīvu Pārvalde (Hg.): Mēs apsūdzam. Liesma, Riga 1965 (lettisch; deutsche Übersetzung des Titels: Wir klagen an).
  5. Lorenz Hemicker: Der letzte jüdische Partisan. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27. November 2017.
  6. Lucas Melle Bruyn: Interview mit Marģers Vestermanis, 20. Februar 1996, abgerufen am 1. Mai 2014.
  7. 1 2 3 Nadja Cornelius: „Ein seltener Mensch“. Lettland: Der jüdische Historiker Margers Vestermanis erhielt Herbert-Samuel-Preis in Riga. In: Jüdische Allgemeine. 1. März 2007, abgerufen am 26. Oktober 2024.
  8. Detlef Henning: Geschichte der lettischen Geschichtsschreibung. Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2025, ISBN 978-3-447-12341-9, S. 199.
  9. „Wir haben unseren Tod um mehr als 50 Jahre überlebt“ – Der Holocaust in Lettland (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive). In: TU Berlin, 2. April 2007, abgerufen am 31. Juli 2026.
  10. In Memoriam. Marģers Vestermanis (1925–2026). In: Latvijas Nacionālā bibliotēka. 31. Juli 2026, abgerufen am 31. Juli 2026 (lettisch).
  11. Par Triju Zvaigžņu ordeņa piešķiršanu. In: Latvijas Vēstnesis, Nr. 171, 26. Oktober 2006.
  12. Latvian Academy of Sciences: Yearbook 2010–2011. Latvijas Zinātņu akadēmija, Riga 2011, S. 98.
  13. Filma „Mēs tikai tagad sākam“ un tikšanās ar filmas varoni un veidotājiem, abgerufen am 4. Juli 2023.
  14. Zeitplan, abgerufen am 4. Juli 2023.
  15. Meine Mütter – Spurensuche in Riga. In: filmportal.de. Deutsches Filminstitut, abgerufen am 13. August 2026.
Commons: Marģers Vestermanis – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Museum „Juden in Lettland“, abgerufen am 1. Mai 2010.
  • Lorenz Hemicker: Der letzte jüdische Partisan. In: FAZ. 26. November 2017, archiviert vom Original am 6. Dezember 2017; abgerufen am 31. Juli 2026.