Mamata Banerjee

Mamata Banerjee (bengalisch মমতা বন্দ্যোপাধ্যায় Mamatā Bandyopādhyāẏ; * 5. Januar 1955[1] in Kalkutta) ist eine indische Politikerin. Sie ist Gründerin und Vorsitzende der westbengalischen Regionalpartei All India Trinamool Congress (AITC) und war von 2011 bis 2026 Chief Ministerin des Bundesstaats Westbengalen. Bei der Wahl zum Parlament Westbengalens 2026 verlor der AITC nach 15 Jahren die Regierungsmehrheit an die Bharatiya Janata Party (BJP); Banerjees Versuch, eine vierte Amtszeit zu gewinnen, scheiterte damit.[2][3]
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Frühe Jahre und Laufbahn in der Kongresspartei
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Mamata Banerjee wurde in eine bengalische Brahmanen-Familie, als Tochter von Promileswar Banerjee und Gayetri Banerjee in Kalkutta geboren.[4] Die Familie gehörte dem unteren Mittelstand an.[3] Ihr Vater war Lehrer; während ihres Studiums an einem Frauen-College in Kalkutta schloss sie sich der Studentenorganisation des Indischen Nationalkongresses an.[5] Sie studierte an der University of Calcutta Politik und Rechtswissenschaften und erwarb die Grade einer M.A., B.Ed., sowie LL.B. Politisch schloss sie sich zunächst der Kongresspartei an, wo sie rasch Karriere machte und von 1970 bis 1980 Präsidentin des Mahila Congress (I) in Westbengalen, der dortigen Frauenorganisation des All India Congress Committee war.
In den 1980er Jahren wurde sie in Westbengalen zu einem der sichtbarsten antikommunistischen Gesichter der Kongresspartei.[3] Bei der gesamtindischen Parlamentswahl 1984 wurde sie im Wahlkreis 18-Jadavpur erstmals in die Lok Sabha gewählt. Bei der folgenden Wahl 1989 kandidierte sie erneut in diesem Wahlkreis, unterlag aber knapp dem Kandidaten der CPI(M). 1990 wurde Banerjee bei einem Protestmarsch mutmaßlich von kommunistischen Kadern angegriffen und mit einem Schädelbruch ins Krankenhaus eingeliefert.[3] Der Vorfall prägte ihr politisches Image als Straßenkämpferin und Opfer politischer Gewalt in der konfliktreichen Parteienlandschaft Westbengalens.[3] Bei der Wahl 1991 gewann sie den Wahlkreis 23-Calcutta South.[6] Im Kabinett von Premierminister P. V. Narasimha Rao war sie 1991 bis 1993 Staatsministerin (Staatssekretärin) für die Entwicklung von Humanressourcen, Jugend und Sport, sowie Frauen- und Kindentwicklung.[4]
Gründung des Trinamool Congress
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bei der Wahl 1996 wurde sie erneut für die Kongresspartei im Wahlkreis 23-Calcutta South gewählt. In den Jahren 1996 bis 1997 kam es zu einem zunehmenden Zerwürfnis zwischen Banerjee und der Kongressparteiführung. Ein wesentlicher Streitpunkt war die Annäherung der Kongresspartei an die in Westbengalen regierende Linksfront, die Banerjee als Oppositionspolitikerin grundsätzlich ablehnte.[5] Die ungestüme Mamata Banerjee, die stets kein Blatt vor den Mund nahm, kritisierte die Kongressparteiführung für ein zu schwaches Auftreten gegenüber den in Westbengalen seit den 1970er Jahren dominierenden Kommunisten, versuchte sich vergeblich als lokale Parteiführerin des Kongresses in Westbengalen zu installieren, machte politische Annäherungsversuche an die Bharatiya Janata Party (BJP), und drohte damit, bei der nächsten Wahl unter einem eigenen Wahlsymbol anzutreten. Diese Entwicklungen kulminierten im offiziellen Parteiausschluss Mamata Banerjees aus der Kongresspartei am 22. Dezember 1997.[7] Daraufhin gründete sie eine eigene Partei, den West Bengal Trinamool Congress (WBTC, „Graswurzel-Kongress Westbengalens“), wenig später umbenannt in All India Trinamool Congress (AITC), dessen Parteivorsitzende sie wurde und bis heute geblieben ist.[8] Anders als viele prominente Politikerinnen Indiens stieg Banerjee ohne dynastische Rückendeckung und ohne mächtigen Mentor zur Gründerin einer eigenen erfolgreichen Partei auf.[3]
Ideologisch gab es zwischen Kongresspartei und Trinamool Congress kaum Unterschiede.[9] Die Unterschiede lagen praktisch ausschließlich in den Führungspersönlichkeiten. Von den 82 Kongresspartei-Abgeordneten im Parlament von Westbengalen schlossen sich 19 der neuen Partei an. Bei der indischen Parlamentswahl 1998 ging der Trinamool Congress mit der BJP ein Wahlbündnis ein und gewann 24,4 Prozent der Stimmen sowie 7 der 42 Wahlkreise Westbengalens.[10] Die Kongresspartei konnte bei 15,2 Prozent Stimmenanteil nur einen einzigen Wahlkreis gewinnen. In der Folge entwickelte sich der Trinamool Congress zur führenden Oppositionspartei gegen die in Westbengalen regierenden Kommunisten.[11]
Bei den gesamtindischen Wahlen 1998 und 1999 gewann Banerjee erneut den Wahlkreis 23-Calcutta South – diesmal allerdings unter der Flagge des WBTC/AITC.[6] Der Trinamool Congress schloss sich der BJP-geführten NDA-Parteienallianz an und beteiligte sich personell an der Regierung unter Premierminister Atal Bihari Vajpayee. Im Kabinett Vajpayee III amtierte Mamata Banerjee vom 13. Oktober 1999 bis 16. März 2001 als Eisenbahnministerin.[4] 2001 kam es zum Bruch mit der BJP. Mamata Banerjee trat vom Ministeramt zurück und der WBTC verließ die Koalitionsregierung und die Allianz mit der BJP. Anlass war die sogenannten Operation West End, bei der durch investigative Journalisten die Bestechlichkeit etlicher Regierungsmitarbeiter exponiert worden war.[10][12]
Phase des Niedergangs
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In den folgenden Jahren kam es zu einem gewissen Niedergang von Banerjees Trinamool Congress. Bei der Wahl zum Regionalparlament Westbengalens 2001 verbündete sich die Partei mit der Kongresspartei, gewann bei der Wahl jedoch nur 60 der 294 Wahlkreise. Wahlsieger blieben erneut die Kommunisten. Auch bei den Regionalwahlen der folgenden Jahre schnitt die Partei eher enttäuschend ab. 2003 ließ Banerjee ihre Partei wieder an der NDA-Regierung teilnehmen und amtierte vom 8. September 2003 bis 8. Januar 2004 als Kabinettsministerin ohne Portfolio und vom 9. Januar 2004 bis Mai 2004 als Kabinettsministerin für Kohle und Bergbau.[4]
Bei der indischen Parlamentswahl 2004 gewann Banerjees Partei nur einen einzigen Wahlkreis (von 42) in Westbengalen – Banerjees Wahlkreis 23-Calcutta South. Auch bei der Wahl zum Parlament Westbengalens 2006, die der AITC wieder im Bündnis mit der BJP bestritt, war Banerjees Partei mit 29 von 294 gewonnenen Wahlkreisen wenig erfolgreich.[6][10]
Wiederaufstieg des Trinamool-Kongresses ab 2006
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zu einem Wendepunkt entwickelte sich der Streit um die Chemiefabrik in Nandigram (Distrikt Purba Medinipur, Westbengalen). Die westbengalische CPI(M)-Regierung unter Chief Minister Buddhadeb Bhattacharya hatte der Salim Group die Konzession zur Errichtung einer Chemiefabrik erteilt, wogegen sich Widerstand der Dorfbewohner regte. Banerjee mit ihrer Partei setzte sich an die Spitze einer Bewegung, die gegen Landenteignungen und Zwangsumsiedlungen agitierte. Am 14. März 2007 kamen bei Zusammenstößen mit der Polizei 14 Dorfbewohner ums Leben.
Im November 2006 protestierte Banerjee mit dem AITC gegen ein ähnliches Industrieprojekt von Tata Motors im Ort Singur (Distrikt Hugli). Banerjee begann öffentlichkeitswirksam einen Hungerstreik, den sie nach 25 Tagen Ende Dezember 2006 auf Appelle von Premierminister Manmohan Singh und Staatspräsident A. P. J. Abdul Kalam hin abbrach.[13][3] Tata Motors gab das Projekt in Singur schließlich auf und verlegte die Produktion des Kleinwagens Nano in den Bundesstaat Gujarat.[14] Die Proteste in Singur und Nandigram festigten Banerjees Rückhalt unter ländlichen und ärmeren Wählern, entfremdeten aber Teile der städtischen Mittelschicht und der Wirtschaftseliten, die ihr vorwarfen, Investitionen aus Westbengalen vertrieben zu haben.[3] Diese Aktionen fanden den Beifall von internationalen Menschenrechtsaktivisten und brachten Mamata Banerjee den Ruf ein, eine kompromisslose Kämpferin für die Rechte der Unterprivilegierten zu sein.[10]
In der Folgezeit nahm die Popularität Banerjees und des Trinamool-Kongresses in Westbengalen drastisch zu. Im Wahlkampf 2011 verknüpfte sie den Protest gegen die Landpolitik der Linksfront mit einem 200-Tage-Programm, das Industriebelebung, Beschäftigung, Tourismusförderung und eine Reform des Gesundheitswesens versprach.[14] Bei der indischen Parlamentswahl 2009 wurde die Partei mit 31 % der Stimmen und 19 gewonnenen Wahlkreisen zur stärksten Partei Westbengalens und verwies die CPI(M), die seit 1971 diesen Platz besetzt hatte, auf den zweiten Platz. Vom 22. Mai 2009 bis 19. Mai 2011 war Banerjee als Nachfolgerin von Lalu Prasad Yadav Eisenbahnministerin in Indien im Kabinett Manmohan Singh II.[4] Im Januar 2011 machte Banerjee politische Gewalt im ländlichen Westbengalen erneut zum Wahlkampfthema, nachdem nahe dem Dorf Netai mindestens sieben Dorfbewohner getötet worden waren und sie Verletzte in einem Krankenhaus besucht hatte.[5]
Chief Ministerin von Westbengalen
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Der Trinamool Congress blieb weiter im Aufwind der Wählergunst und gewann unter Führung Mamata Banerjees die Wahl zum Parlament Westbengalens im April/Mai 2011. Damit endeten 34 Jahre ununterbrochener Regierung der Kommunisten in diesem Bundesstaat.[15] Banerjee bezeichnete den Erfolg als Sieg der Demokratie und ihres Wahlkampfmottos Maa, Maati, Manush („Mutter, Boden und Menschen“).[16] Am 20. Mai 2011 wurde Banerjee als Chief Ministerin von Westbengalen vereidigt.[17] Am 9. Oktober 2011 legte sie ihr Parlamentsmandat in der Lok Sabha nieder.[4] Bei der darauffolgenden Wahl im Jahr 2016 erlangte der Trinamool Congress sogar eine Zweidrittelmehrheit im westbengalischen Parlament und Banerjee trat am 27. Mai 2016 ihre zweite Amtszeit als Chief Ministerin an.[18] Bei der Wahl 2021 verteidigte der AITC seine Mehrheit deutlich und gewann 213 Sitze, womit Banerjee eine dritte Amtszeit antreten konnte.[19]
In ihrer Regierungszeit setzte der Staat mehrere Sozial- und Transferprogramme für Frauen, Schüler, Senioren und Bauern um.[19] Über Jahre konnten Banerjees persönliche Popularität, Wohlfahrtsprogramme für Frauen und ländliche Arme sowie die starke regionale Identität Westbengalens Antiamtsstimmung, Korruptionsvorwürfe und den Aufstieg der BJP abfedern.[3] Zugleich machten Banerjees politische Gegner Korruptionsvorwürfe gegen TMC-Funktionäre, Fragen der Einwanderung aus Bangladesch und den Vorwurf der Begünstigung muslimischer Institutionen wiederholt zu Wahlkampfthemen.[19] Unter Banerjee verschärfte sich zudem die Finanzkrise des Bundesstaats; die indische Zentralbank schätzte, dass vier ihrer Frauenprogramme nahezu ein Viertel der eigenen Einnahmen Westbengalens beanspruchten.[3] Unbesetzte staatliche Stellen, Korruption und Erpressungsnetzwerke, ein großer Skandal um die Einstellung von Lehrkräften sowie wachsende Sorgen um die Sicherheit von Frauen trugen zum Ansehensverlust ihrer Regierung bei.[3]
Bei der Wahl 2026 verlor der AITC nach 15 Jahren Regierungszeit die Macht an die BJP, die nach den am 4. Mai 2026 veröffentlichten Trends auf mehr als 200 der 294 Sitze kam, während der AITC nur noch bei gut 80 Mandaten lag.[2] Banerjee verlor auch ihren eigenen Sitz im Wahlkreis Bhabanipur in Kolkata.[3] Als Ursachen wurden unter anderem Antiamtsstimmung, Korruptionsvorwürfe, lokale Gewalt- und Machtstrukturen, fehlende Arbeits- und Bildungschancen sowie religiöse Polarisierung genannt.[2][19] Banerjee focht das Ergebnis an und vermutete Wahlmanipulation; zuvor war die umstrittene Überarbeitung der Wählerlisten, bei der Millionen Namen gestrichen wurden, zu einem zentralen Streitpunkt geworden.[2][19] Am 9. Mai 2026 wurde Suvendu Adhikari als erster BJP-Chief-Minister Westbengalens vereidigt.[20]
Trotz der Niederlage blieb der AITC zunächst eine gewichtige politische Kraft: Die Partei erhielt etwa 26 Millionen Stimmen, rund 40 Prozent des Stimmenanteils, 80 Sitze in der westbengalischen Versammlung und 28 Mandate im nationalen Parlament.[20] Nach der Niederlage bezeichnete Banerjee sich als „freien Vogel“ ohne Amt, kündigte eine Rückkehr zur Straßenopposition an und erklärte, die oppositionelle INDIA-Allianz auf nationaler Ebene stärken zu wollen.[3]
Krise des Trinamool Congress nach der Wahlniederlage 2026
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Schon wenige Wochen nach dem Machtverlust geriet der AITC in eine schwere interne Krise.[20] Rund drei Viertel der TMC-Abgeordneten im westbengalischen Parlament rebellierten gegen Banerjee und ihren Neffen Abhishek Banerjee, der weithin als ihr politischer Erbe galt.[20] Die Rebellen übernahmen die Kontrolle über den legislativen Parteiflügel, bestimmten einen eigenen Oppositionsführer und warfen der Parteiführung vor, Unterschriften auf parlamentarischen Dokumenten gefälscht zu haben.[20]
Die Krise weitete sich anschließend auf die nationale Ebene aus, als 20 der 28 TMC-Parlamentsabgeordneten den Sprecher des Parlaments um die Abspaltung von der TMC-Fraktion und eine Annäherung an das von der BJP geführte Regierungsbündnis ersuchten.[20] Auch organisatorisch zeigten sich deutliche Schwächen: In Falta, einem Wahlkreis, den der TMC 2021 noch mit 56 Prozent gewonnen hatte, konnte die Partei bei einer Nachwahl keinen Kandidaten im Rennen halten.[20] Ein öffentliches Treffen der Partei Anfang Juni 2026 zog nur noch einige Hundert Menschen an und stand damit in auffälligem Gegensatz zu den Massenkundgebungen, auf denen Banerjees politische Dominanz zuvor sichtbar geworden war.[20] Zugleich wurden Parteibüros verlassen, lokale Netzwerke abgebaut und frühere lokale Machtträger des TMC in ihren eigenen Hochburgen öffentlich angegriffen.[20]
Banerjee wies die Rebellion als Opportunismus zurück und erklärte, die Partei neu aufbauen zu wollen, wobei sie die Arbeiter und nicht die Führungspersonen des TMC in den Mittelpunkt stellte.[20]
Politischer Stil
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Mamata Banerjee ist für ihren ungestümen und impulsiven politischen Stil bekannt. In der englischsprachigen Presse wird sie häufig als firebrand, als „Heißsporn“ bezeichnet.[21][22][23] Sie wurde als „Archetyp einer Rebellin“[21] beschrieben und scheute keinerlei politische Konflikte, weder mit der Kongressparteiführung (vor 1998), noch mit den die politische Landschaft Westbengalens dominierenden Kommunisten (1998 bis 2011), noch mit anderen politischen Gegnern. In Westbengalen ist Banerjee weithin unter dem Beinamen Didi bekannt, was auf Bengalisch „ältere Schwester“ bedeutet.[5] Dieses Image ging mit der Rolle einer schützenden älteren Schwester einher, die sich demonstrativ an die Seite gewöhnlicher Menschen stellte.[3]
Ihr Auftreten beruht stark auf Straßenwahlkampf, direktem Kontakt mit Anhängern und einer bewusst einfachen Selbstinszenierung; im Wahlkampf 2011 absolvierte sie einen mehrstündigen Wahlkampfmarsch durch Howrah in Baumwollsari und Gummisandalen.[14] Als Parteiführerin galt sie zugleich als harte Verhandlerin, die sich in Bündnissen mit der BJP oder der Kongresspartei nur begrenzt auf Zugeständnisse bei der Sitzverteilung einließ.[14] Im Februar 2019 legte sie sich mit der indischen Bundesregierung an, als diese den Polizeichef von Kalkutta durch CBI-Ermittler wegen angeblicher Betrügereien befragen lassen wollte.[24]
Ihr politischer Stil kann dabei als opportunistisch und populistisch beschrieben werden – anfänglich (ab 1998) verbündete sie sich mit der BJP, nach 2001 dann mit der Kongresspartei, 2004 wieder mit der BJP und 2009 bis 2012 mit der Kongresspartei. Sie griff geschickt das Thema der Landenteignungen im Zuge der umstrittenen Politik der Special Economic Zones (SEZs) in Westbengalen auf. Es kam zu der scheinbar paradoxen Konstellation, dass die kommunistische Regierung Westbengalens eine Politik der Landenteignungen kleiner Bauern zugunsten privater Investoren betrieb, während Mamata Banerjee mit ihrem Trinamool Congress mit marxistischer Rhetorik dagegen agitierte und sich als Anwältin der Armen und Unterprivilegierten präsentierte. Der Personenkult um Banerjee stützte sich auf das Bild einer kompromisslosen Straßenkämpferin und einer asketischen, mütterlichen Sozialpolitikerin für wirtschaftlich unsichere Bevölkerungsgruppen.[3] Bei Wahlkampfveranstaltungen benutzt Banerjee eine volkstümliche Rhetorik und wird von ihren Anhängern häufig enthusiastisch wie eine Heilsbringerin gefeiert.[21][25]
Die politische Organisation des TMC war stark auf Banerjees persönliche Autorität zugeschnitten.[20] Der Politikwissenschaftler Dwaipayan Bhattacharyya beschrieb die Partei als weniger ideologisch gefestigt als die von ihr 2011 verdrängte kommunistische Bewegung und sah ihre Machtbasis vor allem in Banerjees persönlichem Markenwert und den Ressourcen des Regierungsapparats.[20] Zur Kontrolle über Westbengalen stützte sich Banerjee weniger auf stabile Parteiinstitutionen als auf einflussreiche lokale Führungspersonen, denen in ihren jeweiligen Machtbereichen beträchtliche Autonomie gelassen wurde.[20] Der bereits zuvor beschriebene Charakter des TMC als politisches „Franchise-Modell“ machte die Partei anfällig für lokale Korruption, Machtmissbrauch und heftige innerparteiliche Rivalitäten.[3][20]
Nach dem Verlust der Regierungsmacht schwächten sich damit zugleich die beiden zentralen Bindungskräfte des Systems: der Zugang zu Patronage und Banerjees Ruf politischer Unbesiegbarkeit.[20] Der Politikwissenschaftler Rahul Verma deutete die Krise des TMC zudem als Teil eines breiteren Musters indischer Regionalparteien, deren starke Zentralisierung und familiär geprägte Nachfolgeregelungen bei Machtverlust Abspaltungen begünstigen können.[20] Die BJP bot unzufriedenen TMC-Funktionären in dieser Lage ein alternatives Machtzentrum mit Ressourcen und politischem Schutz, wodurch nicht nur einzelne Politiker, sondern ganze Fraktionen zum Bruch mit der Partei ermutigt wurden.[20] Zugleich förderte Banerjee in ihrer Partei sichtbar Frauen; bei der Wahl 2026 stellte der TMC 52 Kandidatinnen auf.[3]
Mamata Banerjee galt über lange Zeit als eine der einflussreichsten Politikerinnen Indiens. Im Jahr 2012 führte sie das amerikanische Time-Magazin in seiner Liste der 100 einflussreichsten Personen der Welt auf.[26] Durch die Niederlage von 2026 verlor sie jedoch erheblich an politischem Gewicht in der nationalen Opposition gegen die BJP.[2][3] Die nachfolgende Parteikrise stellte Banerjee vor eine andere Herausforderung als frühere Wahlkämpfe, weil sie nicht mehr nur gegen eine gegnerische Regierung mobilisieren, sondern eine von Abwanderung bedrohte eigene Organisation erneuern musste.[20]
Persönliches
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Mamata Banerjee ist unverheiratet und hat keine Kinder. Sie pflegt einen einfachen frugalen Lebensstil gandhischer Prägung. Bei öffentlichen Auftritten ist sie meist in einen schlichten einfarbigen Sari gekleidet, in den die Parteifarben des Trinamool-Kongresses eingewoben sind. Sie trägt keinen Juwelenschmuck, Kosmetik etc. Ihr persönlicher Ruf war lange der einer unbestechlichen Politikerin.[21]
Auch internationale Porträts hoben ihren kleinen Wohnsitz, ihre einfache Kleidung und ihre Plastiksandalen als Teil ihres politischen Images hervor.[5] Diese bewusst einfache Selbstinszenierung blieb auch nach vielen Jahren an der Macht ein zentraler Bestandteil ihres öffentlichen Auftretens.[3]
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Dipak Ghosh: Mamata Banerjee as I have known her, S. 23 f.
- 1 2 3 4 5 Natalie Mayroth: Regionalwahlen in Indien: Westbengalens „Didi“ muss gehen. In: die tageszeitung. 4. Mai 2026, abgerufen am 4. Mai 2026.
- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 Soutik Biswas: India's fiercest female politician faces a fight for survival. In: BBC News. 6. Mai 2026, abgerufen am 6. Mai 2026 (englisch).
- 1 2 3 4 5 6 Fifteenth Lok Sabha: Members Bioprofile. Webseite der Lok Sabha, archiviert vom am 7. Februar 2019; abgerufen am 5. Februar 2019 (englisch).
- 1 2 3 4 5 Jim Yardley: The Eye of an Indian Hurricane, Eager to Topple a Political Establishment. In: The New York Times. 14. Januar 2011, abgerufen am 4. Mai 2026 (englisch).
- 1 2 3 Election Results - Full Statistical Reports. Indian Election Commission (Indische Wahlkommission), abgerufen am 22. Dezember 2018 (englisch, Wahlergebnisse sämtlicher indischer Wahlen zur Lok Sabha und zu den Parlamenten der Bundesstaaten seit der Unabhängigkeit).
- ↑ Mamata gets the axe. rediff.com, 22. Dezember 1997, abgerufen am 5. Februar 2019 (englisch).
- ↑ All India Trinamool Congress: Biografie von Mamata Banerjee ( vom 18. Februar 2012 im Internet Archive)
- ↑ Kenneth Bo Nielsen: Mamata Banerjee – Redefining Female Leadership. In: Arild Engelsen Ruud, Geir Heierstad (Hrsg.): India's Democracies – Diversity, Cooptation, Resistance. Universitetsforlaget AS, Oslo 2016, ISBN 978-82-15-02688-6, Kap. 5, S. 101–134, doi:10.18261/9788215026886-2016 (englisch, online).
- 1 2 3 4 Trinamool: From a Congress breakaway to Bengal's principal party. rediff.com, 13. Mai 2011, abgerufen am 5. Februar 2019 (englisch).
- ↑ Syed Firdaus Ashraf: The rediff special: The X factor. rediff.com, 8. November 2000, abgerufen am 5. Februar 2019 (englisch).
- ↑ Valson Thampu: Operation West End. The Hindu, 20. März 2001, abgerufen am 5. Februar 2019 (englisch).
- ↑ Mamata ends 25-day hunger strike. In: Hindustan Times. 29. Dezember 2006, abgerufen am 6. Mai 2026 (englisch).
- 1 2 3 4 Soutik Biswas: The woman taking on India's communists. In: BBC News. 15. April 2011, abgerufen am 4. Mai 2026 (englisch).
- ↑ Soutik Biswas: The Reds are out, the Greens are in! BBC News, 13. Mai 2011, abgerufen am 4. Februar 2019 (englisch).
- ↑ India: Mamata Banerjee routs communists in West Bengal. In: BBC News. 13. Mai 2011, abgerufen am 4. Mai 2026 (englisch).
- ↑ Mamata Banerjee sworn in as West Bengal chief minister. The Times of Indis, 20. Mai 2011, abgerufen am 4. Februar 2019 (englisch).
- ↑ Mamata Banerjee sworn in as West Bengal chief minister. The Times of India, 27. Mai 2016, abgerufen am 4. Februar 2019 (englisch).
- 1 2 3 4 5 Tanmay Chatterjee: Mamata Banerjee: The rise and fall of the gritty street fighter. In: Hindustan Times. 4. Mai 2026, abgerufen am 4. Mai 2026 (englisch).
- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 Soutik Biswas: How one of India's most successful female politicians is losing her party. In: BBC News. 9. Juni 2026, abgerufen am 9. Juni 2026 (englisch).
- 1 2 3 4 Profile: Bengal firebrand Mamata Banerjee. BBC News, 13. Mai 2011, abgerufen am 4. Februar 2019 (englisch).
- ↑ Abhimanyu Bose: Mamata Banerjee On Dharna In Kolkata, Supporters Keep The Protest Going. NDTV, 4. Februar 2019, abgerufen am 4. Februar 2019 (englisch).
- ↑ Kolkata Film festival: Shah Rukh Khan praises West Bengal Mamata Banerjee, calls her a firebrand leader. indiatoday.in, 10. November 2012, abgerufen am 4. Februar 2019 (englisch).
- ↑ Anindita Sanyal: Mamata Banerjee's All-Nighter "Satyagraha" As Cops, CBI Clash: 10 Points. NDTV, 4. Februar 2019, abgerufen am 7. Februar 2019 (englisch).
- ↑ Soutik Biswas: The woman taking on India's communists. BBC News, 15. April 2011, abgerufen am 7. Februar 2019 (englisch).
- ↑ The World's 100 Most Influential People: 2012. Time Magazine, abgerufen am 4. Februar 2019 (englisch).
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Banerjee, Mamata |
| KURZBESCHREIBUNG | indische Politikerin |
| GEBURTSDATUM | 5. Januar 1955 |
| GEBURTSORT | Kalkutta, Indien |
