Pokalsieger Bayern München Großes Erbe abzugeben
Bayern-Spielerinnen mit dem Pokal: Erster Triumph seit 2012
Foto: David Inderlied / Kirchner-Media / IMAGODieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.
Zeit für neue Heldinnen: Der letzte schöne Schuss der Bremerin Larissa Mühlhaus in der Nachspielzeit konnte nichts mehr ändern. Ihr direkt verwandelter Freistoß zum 2:4 konnte die Reservespielerinnen des FC Bayern nicht mehr aufhalten, die kurz darauf den Platz im Kölner Stadion stürmten und die dreifache Torschützin Lea Schüller in die Luft hoben. Dass die Bayern-Stürmerin Schüller zur Heldin des Endspiels wurde, passte nicht schlecht, ist sie doch als Stürmerin die direkte Antwort auf Angreiferin Alexandra Popp. Die Wolfsburgerin Popp war mit zehn Pokalsiegen in den vergangenen zehn Jahren (insgesamt sogar 13) das Gesicht des Pokals. Erbin Schüller kündigte nach dem Triumph an, »sich richtig abzuschießen«.
Ergebnis: Zehn Jahre in Folge hatten der VfL Wolfsburg und Popp den DFB-Pokal gewonnen und in dieser Zeit den deutschen Fußball der Frauen dominiert wie niemand sonst. Damit ist Schluss: Mit einem 4:2 (2:1)-Erfolg im Finale in Köln gegen Werder Bremen lösten die Münchnerinnen den Seriensieger aus Wolfsburg (im Viertelfinale ausgeschieden) ab und gewannen erstmals seit 2012 wieder den DFB-Pokal. Auch die Meisterschaft ist ihnen nicht mehr zu nehmen. Es ist das erste Double der Vereinsgeschichte. Hier geht’s zum Spielbericht.
Jubel, aber: Es könnte der Beginn einer neuen Ära im deutschen Fußball der Frauen sein, und doch stellt sich eine schwierige Frage: Wer wird die mögliche Ära in München fortsetzen? Der Architekt des Erfolgs, Münchens Trainer Alexander Straus, verabschiedet sich auf dem Höhepunkt in Richtung USA. Vorher wolle er aber noch »ein, zwei Weißbier« trinken.
Außenseiterrolle weg singen: 18 Duelle haben die Bremerinnen bisher gegen die Münchnerinnen bestritten – und dabei 18 Niederlagen kassiert. Bei 4:62 Toren. Über die Rollenverteilung musste man nicht lange nachdenken. Dennoch gab erst mal Werder den Ton an. Als 20 Minuten vor dem Anpfiff das Fanlied »Lebenslang grün-weiß« aus den Stadionlautsprechern dröhnte, sangen Tausende Bremer Fans mit und feierten ihre Spielerinnen. Schon beim Halbfinale gegen den HSV sorgten die Bremer Fans im ausverkauften Hamburger Volksparkstadion für eine Party und jetzt wieder. 45.146 Menschen sahen das Endspiel in Köln, ein neuer Finalrekord bei den Fußballerinnen.
Sonnenschuss: Bayern Münchens Giulia Gwinn hatte in der ersten Hälfte einen gar nicht so angenehmen Job. Auf der rechten Außenbahn lief sie bei sommerlichen 28 Grad auf und ab, immer der prallen Sonne zugewandt. So ist es vielleicht zu erklären, dass sie in der sechsten Minute womöglich leicht den Überblick verlor und fast von der Eckfahne aus statt einer Flanke einen Schuss aufs Tor versuchte. Aus eigentlich unmöglicher Position. Der Schuss prallte dennoch an den Außenpfosten, den Abpraller köpfte Lea Schüller zum frühen 1:0 ein.
EM-Casting: Außenverteidigerin Gwinn wird bei der EM im Sommer auf der rechten Seite im DFB-Team gesetzt sein. Und links? Da wird Bundestrainer Christian Wück in der 30. Minute ganz genau hingeschaut haben, als Carolin Simon nach einem schönen Rückpass von Klara Bühl den Ball wuchtig zum 2:0 ins Tor schoss. Die 32-jährige Simon hatte die WM 2023 auf dramatische Weise verpasst, weil sie sich im letzten Testspiel einen Kreuzbandriss zugezogen hatte. Seitdem spielte die Linksverteidigerin im DFB-Team keine Minute mehr. Zu Unrecht, wenn es nach Bayern-Trainer Straus geht. »Ich glaube nicht, dass es im Fußball der Frauen eine Spielerin auf ihrer Position gibt, die die gleichen Qualitäten am Ball hat«, sagte Straus über Simon.
Bremer Fanblock: »Zieht den Bayern die Lederhosen aus«
Foto: Ines Hähnel / Lobeca / IMAGOSchöne neue Welt? Die vielen Bremer Fans hatten kurz vor dem Anpfiff Pyrotechnik gezündet, grüne Rauchwolken stiegen auf, es roch nach Silvester – Szenen, die man eher aus dem Männer- und weniger vom Frauenfußball kennt. Der Stadionsprecher sagte: »Bitte unterlasst das. Wir haben hier ein tolles Familienevent.« Das blieb danach auch friedlich, bekam aber auch ein paar Sticheleien. »Zieht den Bayern die Lederhosen aus«, sangen die Bremer in der Nachspielzeit der ersten Hälfte. Sekunden zuvor hatte Werders Rieke Dieckmann nach einem schönen Konter das 1:2 erzielt. Das bis dahin einseitige Spiel schien kurz wieder offen, aber die Hattrick-Schützin Schüller machte in der zweiten Hälfte (65. Minute/77.) alle Bremer Hoffnungen zunichte.
Ohne Obi: Es war der Transfer des vergangenen Sommers. Doch Lena Oberdorf hat noch immer kein einziges Pflichtspiel für die Münchnerinnen bestritten. Ihre Verpflichtung vom VfL Wolfsburg war als Symbol der Stärke gedacht , nun überwiegt die Frage, ob die 23-Jährige noch einmal so auftrumpfen kann wie bei der EM 2021. Oder wann die starke Zweikämpferin überhaupt zurückkehrt. Oberdorf fällt wegen eines Kreuzbandrisses bereits seit Juli 2024 aus und saß auch in Köln nur auf der Tribüne. Ein Wiedersehen mit der DFB-Auswahl in diesem Sommer ist zudem unwahrscheinlich geworden. Bayern-Managerin Bianca Rech nannte das Risiko zuletzt »zu groß«.
Erfolgscoach Alexander Straus: Klub vom Abschied überrascht
Foto: Thilo Schmuelgen / REUTERSDie Engel rufen: Für die Bayern geht es in den kommenden Wochen darum, eine Nachfolgelösung für Trainer Straus zu präsentieren. Der Norweger konnte den Verein zwar nicht zum ersten Champions-League-Titel führen, geht aber mit einer Erfolgsbilanz von drei Meistertiteln in drei Jahren und jetzt auch dem Sieg im DFB-Pokal. Straus’ Abgang soll den FC Bayern, so hört man, kalt erwischt haben, zumal der Markt an Toptrainerinnen und Trainern klein ist. Straus schließt sich dem Megaprojekt in Los Angeles an, dem Angel City FC. Eine sportlich wie finanziell reizvolle Aufgabe. Und der Weg zurück zu einem europäischen Spitzenklub steht ihm jederzeit offen. Immerhin übergibt Straus den FC Bayern als endgültig neue Nummer eins in Deutschland.
