Gedenken an Kreml-Kritiker Nemzow Die Unbequemen
Auf der Brücke am Kreml, am Ort, an dem Boris Nemzow erschossen wurde: Ilja Mischtschenko (r.) und Wladimir Gorjatschew
Foto: Christina Hebel/ DER SPIEGELIlja Mischtschenko zieht sich die Kapuze über. Die Mütze allein schützt nicht vor dem eisigen Wind, der über die Bolschoj-Moskworetskij-Brücke im Moskauer Zentrum fegt. Der 38-Jährige stellt sich an den Laternenpfahl. Der bietet zumindest etwas Schutz.
Von hier aus hat Mischtschenko alles gut im Blick: die roten Rosen und Nelken, Kerzen und Fotos. Die dürfte es hier gar nicht mehr geben, ginge es nach denjenen, die auf der anderen Seite der wenige Schritte entfernten Kremlmauer sitzen und gern so tun, als ob hier nichts geschehen wäre, am späten Abend des 27. Februar 2015.
Damals war der bekannte Oppositionspolitiker Boris Nemzow mit seiner Begleiterin zu Fuß auf dem Weg nach Hause, als ihn auf der Brücke um 23.31 Uhr vier Schüsse in den Rücken trafen. Bis heute wurden die Auftraggeber nicht verurteilt.
Der Mord erschütterte viele, weil er direkt am Kreml mitten auf der Straße begangen wurde, Nemzow ein prominenter Oppositionspolitiker, ehemaliger Vizepremier und Vertrauter von Boris Jelzin war.
Proteste in Moskau 2012: Kreml-Kritiker Boris Nemzow
Foto: MIKHAIL VOSKRESENSKY/ Reuters"Er war eine Schlüsselfigur der Opposition, eine Autorität, er hat die Lager der Kreml-Kritiker vereint. Deshalb war er so unbequem", sagt Mischtschenko. Heute, ohne ihn, sei die Opposition in Gruppen zersplittert. Mischin traf Nemzow erstmals im Wahlkampf um das Amt des Bürgermeisters in Sotschi 2009. Als "lebensfroh" und "frei", "schillernd" und "charismatisch" beschreibt er den Politiker, der mit Menschen immer den Kontakt gesucht habe, mit ihnen gut konnte.
Mischtschenko, ein Geologe, erzählt davon in seiner Wohnung in einem der neuen Hochhäuser im Südosten Moskaus. Er engagiert sich seit Jahren im Umweltschutz, ist Mitglied der Oppositionsbewegung "Solidarnost", zu Deutsch Solidarität, die Nemzow mitgründete. Inzwischen ist er Abgeordneter in einem der Moskauer Bezirke.
"Alles wurde abgeblockt"
Ruhig berichtet er davon, wie er im Gerichtssaal beim Verfahren zum Nemzow-Mord war. Wie die Behörden glauben machen wollten, dass der Oppositionelle aus Geldgründen ermordet worden sei, "für 15 Millionen Rubel". Fünf Tschetschenen aus dem Umfeld eines Bataillons von Putins Mann in Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, wurden zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt. Warum sie aber gerade Nemzow töteten, in wessen Auftrag, blieb unklar.
Jegliche Ermittlungen gegen Kadyrow und ranghohe Vertreter seines Umfelds wurden nicht zugelassen, "alles wurde abgeblockt", sagt Mischtschenko. Nemzow hatte nicht nur Präsident Wladimir Putin, sondern auch das tschetschenische Oberhaupt für dessen Krieg in der Teilrepublik scharf kritisiert.
Blumen und Kerzen auf der Brücke am Kreml: Der Ort, an dem bis heute keine Gedenktafel für den ermordeten Boris Nemzow hängt
Foto: Christina Hebel/ DER SPIEGEL"Die Spuren führen ganz offensichtlich nach Grosny, und von dort aus in die hohen, wenn nicht die höchsten Büros der Macht", sagt llja Jaschin, Freund von Nemzow und Anführer der Bewegung "Solidarnost" am Telefon. Er fordert weitere Untersuchungen, weiß aber auch: "Solange Putin an der Macht ist, wird das nicht passieren."
Beharrlich für die Erinnerung
Also machen Jaschin und Mischtschenko das, was ihnen in einem autoritären Staat wie Russland bleibt: Sie halten die Erinnerung an Nemzow aufrecht. Darum zu kämpfen, ist schon schwer genug.
Rund 50 Autominuten fährt man von Mischtschenkos Wohnung ins Zentrum zur Brücke, zum "Dienst", wie er es nennt. Der Himmel versinkt an diesem Februarsonntag im dunklen Wintergrau. Immer zu zweit bewachen sie die Gedenkstätte, Mischin heute mit Wladimir Gorjatschew, 49 Jahre alt.
Gut 60 Frauen und Männer sind sie, einige schon über 70 Jahre alt. Sie wechseln sich rund um die Uhr in Schichten ab. "Wir sind immer da", sagt Mischtschenko. Egal, ob es friert - bei minus 30 Grad standen sie schon hier und wechselten sich im Zehn-Minuten-Takt ab - oder die Sonne bei plus 38 Grad brennt. Für die Helfer gibt es einen Klappstuhl, Besen, Schneeschaufel und einen silbernen Koffer mit Kerzen und Müllbeutel.
Jeden Tag stellen sie eine Zahl auf. Sie erinnert an die Tage, die seit dem Mord an Nemzow vergangen sind; tauschen Blumen aus, wenn sie verblüht sind; richten sie auf, wenn einer der Helikopter wieder sehr tief beim Landeanflug auf den Kreml heruntergegangen ist und die Wassereimer umkippen.
Trauern am Tatort: Anhänger von Boris Nemzow im Jahr 2018
Foto: Maxim Shemetov/ REUTERSVier Wochen nach dem Mord an Nemzow versuchte man das erste Mal, die Gedenkstätte zu räumen. Damals stopften Männer in schwarzer Kleidung nachts Blumen, Kerzen und alles was an Nemzow erinnerte, in Müllsäcke. Die Empörung war groß: Nicht einmal das Trauern lässt man zu.
Freiwillige kamen wieder mit Blumen und Kerzen, bezogen auf der Brücke Posten. Wieder erschienen Männer, dieses Mal von der Brückenbehörde, um sauberzumachen. Manchmal wurden sie handgreiflich, nahmen den Nemzow-Unterstützern Rucksäcke, Pässe und Schuhe weg. Und diese stellten wieder Blumen und Kerzen auf. Nur während die Brücke renoviert wurde, verlegten die Aktivisten die Gedenkstätte vorübergehend auf die gegenüberliegende Seite.
Anfeindungen und Attacken
Blumen und Fotos: Die Gedenkstätte an den roten Kremlmauern heute
Foto: Christina Hebel/ DER SPIEGEL"Inzwischen machen sie hier sauber, koordinieren sich mit uns - nicht mit Worten, aber mit Blicken", sagt Mischtschenko. "Hauptsache, sie lassen uns in Ruhe." Ein Erfolg, wenn man überhaupt davon sprechen kann. Denn es gab Attacken auf die Freiwilligen. Einem 36-Jährigen wurde von einem Unbekannten mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Er starb im Krankenhaus, an einer Herzerkrankung, wie die Mediziner betonten. Doch die Nemzow-Unterstützer glauben, dass der Schläger Schuld hatte.
Die meisten Aktivisten haben Anfeindungen erleben müssen, meist ereignen sie sich nachts oder frühmorgens, wie Gorjatschew erzählt. Er läuft auf und ab, damit ihm nicht kalt wird. Männer einer nationalistischen kremlnahen Bewegung hätten Blumen umgeschmissen, ihn geschubst. "Wir versuchen dann ruhig zu bleiben, alles zu filmen und zu dokumentieren."
Hupen - ein Zeichen der Solidarität
Mehrmals haben sie Anzeige erstattet. "Was dabei rausgekommen ist?", sagt Mischtschenko. "Natürlich nichts". Heute sind die Angriffe seltener. "Man hat sich an uns gewöhnt", es klingt ein bisschen stolz. Diplomaten und Politiker kommen bei ihren Moskau-Besuchen auf die Brücke, um Gestecke niederzulegen. Inzwischen kann man selbst in der beliebten Yandex-Taxi-App "Nemzow-Brücke" als Ziel angeben. Fast jeder, der hier entlanggeht, schaut, wer der Mann auf den Fotos ist. Ein roter Doppeldecker-Touristenbus hupt, der Fahrer winkt – ein Zeichen der Solidarität.
Eine Gedenktafel an der Mauer der Brücke, darauf hoffen die Aktivisten immer noch. Eine Tafel, auf der steht: Hier wurde Boris Nemzow am 27. Februar 2015 erschossen.
Marsch zum Gedenken an Boris Nemzow, Aufnahme von 2017: Tausende versammeln sich in Moskau
Foto: Ivan Sekretarev / dpaNach dem Gesetz müssen die Behörden solch eine Anfrage nach zehn Jahren prüfen. Natürlich könnten sie dies früher tun, wenn sie denn wollten. Nachdem der Vater von Kadyrow bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen war, wurde einige Jahre später eine Straße in Moskau nach ihm benannt.
In Washington, Prag, Vilnius und Kiew haben sie Plätze nach Nemzow benannt – und in Moskau? "Hier ist Putin", sagt Mischtschenko. "Und wir."
Am Samstag wird er mit Gorjatschew, Jaschin und Tausenden anderen wieder auf die Straße gehen. Der Nemzow-Gedenkmarsch ist eine der wenigen Großkundgebungen in Moskau, die der Opposition noch genehmigt wird.
