Dieser Berg war ihre Hoffnung: Tausende Geflüchtete aus Afrika lebten teils jahrelang im Wald des Monte Gurugú im Norden Marokkos – unter widrigsten Bedingungen. Nur Spuren erinnern noch daran, dass sie hier auf den richtigen Moment warteten, um in die EU zu gelangen – in ein, so ihre Hoffnung, besseres Leben.
Geschafft haben es die wenigsten. Viele harren weiterhin südlich der Grenze aus, allerdings nicht mehr auf dem Berg. In Nador, einige Kilometer rückwärts auf ihrer Fluchtroute, leben Menschen aus dem Sudan nun auf der Straße und in Parks. Viele versuchen noch, zu verarbeiten, was vor wenigen Wochen an der Grenze passiert ist.
Ayub Abdellah, Geflüchteter aus dem Sudan:
»Die Verluste waren groß, viele junge Menschen sind gestorben. Wir werden so ein gewaltsames Durchdringen nicht wiederholen.«
Was der junge Sudanese meint: die Tragödie von Melilla. Am Morgen des 24. Juni hatten etwa 2000 Geflüchtete auf einmal versucht, spanisches Hoheitsgebiet zu erreichen. Sie stürmten den sechs Meter hohen Grenzzaun zwischen der marokkanischen Stadt Nador und der spanischen Exklave Melilla. Zwei Stunden lang kämpften sie mit spanischen und marokkanischen Grenzbeamten.
Laut den marokkanischen Behörden kamen bei dem Vorfall 23 Geflüchtete ums Leben. Menschenrechtsorganisationen sprechen von mindestens 37 Toten und etlichen Verletzten, darunter etwa 160 Polizisten. Der marokkanischen Regierung zufolge sei es am Grenzzaun zu einer Massenpanik gekommen. Dabei seien die Opfer erstickt. Fehlverhalten der Sicherheitskräfte weisen die Behörden zurück.
Jetzt, gut drei Wochen nach den Vorfällen, hat die marokkanische Justiz 33 Menschen aus dem Sudan und dem Tschad zu Haftstrafen verurteilt. Sie sollen für elf Monate ins Gefängnis – unter anderem wegen »illegaler Einreise« nach Marokko, »bewaffneter Versammlung« und »Gewalt gegen Beamte«. Einer zweiten Gruppe Migranten soll Ende Juli der Prozess gemacht werden.
Die marokkanische Vereinigung für Menschenrechte bezeichnete die Urteile gegen die Angeklagten als »sehr hart« und forderte das Berufungsgericht auf, sie aufzuheben. Die NGO legte einen vorläufigen Bericht vor und kam zu dem Schluss, dass die Gewalt der marokkanischen Beamten zwar nicht direkt zu den Toden geführt hätte, sie aber auf am Boden liegende Menschen eingeschlagen hätten.
Die Grenzbeamten hätten Migranten auch mit Steinen und Rauchbomben beworfen, sodass viele von ihnen erstickten. Diejenigen, die versuchten zu fliehen und verzweifelt den Zaun zu erreichen, kamen in einer Massenpanik ums Leben, heißt es weiter.
Der Vorfall in Melilla löste international Empörung aus. Bei Protesten in Madrid solidarisierten sich Tausende Menschen mit den Geflüchteten.
O-Ton: »Das sind keine Tode, das sind Morde!«
Pablo Rodriguez, Sozialarbeiter:
»Eine Maßnahme wäre, sichere Routen zu öffnen, damit die Menschen, die Asyl brauchen, auch darum bitten können. Das wurde ja auch mit Menschen aus anderen Ländern gemacht. Aus der Ukraine sind in vier Monaten Tausende von Menschen nach Spanien gekommen. Wir verstehen nicht, warum man das nicht auch mit Menschen aus anderen Ländern machen kann.«
Auch die Migranten und Flüchtenden forderten ihre Rechte ein, wie hier in Rabat, der Hauptstadt Marokkos. Und sie beteuerten immer wieder, sie würden nicht organisiert vorgehen, wenn sie versuchen die EU-Außengrenzen zu passieren.
Mohamed Ismail Abdullah, Geflüchteter aus dem Sudan:
»Was in Melilla passiert ist, hat dazu geführt, dass man uns beschuldigt, eine Mafia zu sein. Das stimmt nicht, wir haben keine Organisation. Wir hier sind nur Migranten. Und es ist doch bekannt, dass Menschen hier herkommen und versuchen, auf irgendeine Weise die Grenze zu überwinden.«
In Nador hat die tödliche Eskalation die Vorurteile der Bevölkerung gegenüber Migranten jeglicher Herkunft verstärkt, das berichten einige von ihnen.
Herman Mbatchou, Menschenrechtler aus Kamerun:
»Seit dem Angriff sind wir für die Menschen alle nur noch Sudanesen. Sie interessiert nicht, was auf unseren Papieren steht, die Bevölkerung verurteilt uns einfach schon vorher. Einige beginnen, Subsaharaner zu bedrohen, die in Nador leben.«
Trotz des auch für sie schockierenden Gewaltausbrauchs wollen die Migranten im Grenzgebiet nicht aufgeben.
Ayub Abdellah, Geflüchteter aus dem Sudan:
»Jeder kann denken, was er will, aber viele junge Menschen sind gegen so eine Gewalt wie in Melilla. Noch ein gewaltsamer Sturm ist ausgeschlossen. Aber wir werden unser Ziel um jeden Preis erreichen. Wir gehen trotzdem nach Europa, koste es, was es wolle.«
Vollständig aufgeklärt ist der Vorfall an der Grenze zu Melilla bis heute nicht. Die Bilder vom 24. Juni lassen aber darauf schließen, dass die Grenzschützer gegen geltendes europäisches Recht verstoßen haben, als sie die Geflüchteten mit Gewalt wieder zurück nach Marokko zwangen. Die Todesopfer wurden auf marokkanischer Seite in Massengräbern beerdigt – ohne Obduktion und Identifizierung.