Verfolgte Journalisten in Ägypten »Täglicher Terror«
Staatspräsident el-Sisi (am 19. Juli in Berlin): Einschüchterung von Quellen
Foto: John Macdougall / AFPDieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.
SPIEGEL: Herr Hamama, wie viel Pressefreiheit ist noch übrig unter Präsident Abdel Fatah el-Sisi?
Hamama: Beim Index für Pressefreiheit steht Ägypten von 180 Ländern aktuell auf Platz 168. Dahinter verbirgt sich der tägliche Terror gegen Journalisten, die einfach nur versuchen, ihre Arbeit zu machen.
SPIEGEL: Wie bedeutet das für Ihre Recherchen?
Hamama: Durch Einschüchterung von Quellen wird unabhängige Berichterstattung fast unmöglich. Selbst Beamte, deren Job es ist, Auskunft zu geben und die dabei die Regierung wirklich nur loben, fürchten inzwischen die Nennung ihres Namens. Es herrscht eine Kultur der Angst.
SPIEGEL: Welche Themen gelten in Ägypten unter dieser Regierung als rote Linien, die Journalisten nicht überschreiten dürfen?
Hamama: Wo sich diese roten Linien befinden, weiß niemand so genau zu sagen. Unberechenbar zu sein, ist eine Strategie der Regierung. Es folgt dem Prinzip der Willkür. Die Folge ist, dass sich kaum noch jemand traut, kritisch zu berichten, denn nichts Relevantes zu schreiben, ist das Sicherste. Wenn unser Magazin heikle Geschichten veröffentlicht, wissen wir nie, ob das gutgeht.
SPIEGEL: Einer der heiklen und aufsehenerregendsten Berichte in »Mada Masr« war 2019 eine Geschichte über den ältesten Spross von Präsident el-Sisi, der wegen angeblicher Unfähigkeit im ägyptischen Nachrichtendienst auf einen Diplomatenposten ins Ausland weggelobt wurde. War das so etwas wie Majestätsbeleidigung?
Hamama: Danach wurde unser Redaktionsbüro durchsucht und vier Mitglieder der Chefredaktion wurden verhaftet, darunter auch ich.
SPIEGEL: In Ägypten sitzen derzeit mehrere Blogger und 23 Journalisten im Gefängnis. Was wird ihnen vorgeworfen?
Hamama: Fast immer sind es nur vage Beschuldigungen, die den Journalisten vorgehalten werden, wie die »Mitgliedschaft in einer verbotenen Organisation«. Gemeint sind die Muslimbrüder, auch wenn die Kollegen nicht die geringste Verbindung zu ihnen haben. Ein anderer Vorwurf lautet »Verbreitung von Falschnachrichten«. Der Staat sieht in jeder kritischen Berichterstattung eine Bedrohung.
SPIEGEL: Was befürchtet die Regierung?
Hamama: Der Druck begann 2013 mit dem Sturz der Muslimbrüder-Regierung von Mohamed Morsi. El-Sisi befürchtet heute offenbar, dass sich die Ereignisse um den Arabischen Frühling wiederholen könnten.
SPIEGEL: Sie sprechen von dem Jahr 2011, als Demonstranten den langjährigen Autokraten Hosni Mubarak verjagten und die Muslimbrüder an die Macht kamen?
Hamama: Genau. Die Regierung glaubt, Aufstände verhindern zu können, indem sie kritische Stimmen unterdrückt.
Straßenproteste am Gedenktag des sogenannten Arabischen Frühlings (Januar 2014 in Kairo): Die Ideale nicht aufgegeben
Foto: Mahmoud Khaled / AFPSPIEGEL: Was müssen kritische Medienschaffende fürchten?
Hamama: Die Mehrheit der Redaktionen ist inzwischen im Besitz oder unter Kontrolle der Regierung. Unabhängige Journalisten müssen fürchten, im Gefängnis zu landen, wenn sie die Obrigkeit verärgern.
SPIEGEL: Woher nehmen Sie den Mut, weiterzumachen?
Hamama: Auch wir haben Angst, gleichzeitig sind wir nach wie vor ambitioniert. Das Magazin gibt es seit fast zehn Jahren, und wir haben unsere Ideale nie aufgegeben. »Mada Masr« finanziert sich fast ausschließlich durch Zahlungen von Abonnenten. Unser wichtigster Schutz ist die Glaubwürdigkeit unserer Berichterstattung. Je mehr Leser wir haben, desto sicherer fühlen wir uns.
