Frühlingswind aus Berlin
Für den deutschen Zeitschriftenmarkt gilt: Die Krise war gestern, heute ist Gründerzeit. In den Kiosken stapeln sich dickleibige neue Magazine in schöner Typografie, mit prachtvollen Fotostrecken oder mit einem avantgardistischen Anti-Layout. Fast alle kommen aus Berlin und machen die Stadt, die ökonomisch längst jenseits des Bankrotts lebt, publizistisch zu einem Laboratorium des Aufbruchs.
Als infolge der Zeitungskrise Umfang und Vielfalt des publizistischen Angebots reduziert wurden, sah «Tagesspiegel»-Chefredaktor Giovanni di Lorenzo darin aufatmend eine «Befreiung vom Lesezwang». Diese Entlastung war nur von kurzer Dauer, denn jetzt gibt es schon wieder mehr zu lesen. Ein wiedererwachtes Interesse an langen und gründlichen Essays und Reportagen schafft sich neue Blätter, die entweder einen angelsächsischen Typus nach Deutschland importieren oder einen ganz eigenen Stil erfinden. Daneben treten Journale, die die überkommenen Grenzen zwischen Kunst und Kultur einerseits, Mode und Lifestyle anderseits lustvoll und neugierig überschreiten. Ob «dummy», «Qvest», «vorn» oder «sleek» - Marktforschung und die PR-Kraft der Grossverlage spielen nur eine geringe Rolle. Mittlerweile nehmen aber auch die grossen Pressehäuser diesen Markt der publizistischen Enthusiasten ernst und mischen sich ein.
«Cicero» und das Prinzip Prominenz
Der Verleger Michael Ringier ist auch dabei. Als einziger Grossverlag hat Ringier sich schon bei der Gründung einer neuen Zeitschrift engagiert, die helfen könnte, das Haus aus der Boulevardzone herauszuführen. Gestern erschien «Cicero», das «Magazin für politische Kultur», das eine kleine Redaktion in Potsdam erstellt. Schon die Titelseite zeigt, was Chefredaktor Wolfgang Weimer, der früher einmal Springers Tageszeitung «Die Welt» leitete, unter der «systematischen Beachtung des Prinzips Prominenz» versteht. Die Namen des Bundeskanzlers und der beiden Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten sind als Autoren oder Interviewpartner angekündigt. Von Arthur Miller ist ein Bericht über seine Begegnung mit Fidel Castro in Aussicht gestellt. Das Titelbild stammt von Jörg Immendorff. Und im Heft, etwas prätentiös gegliedert in «Weltbühne», «Berliner Republik», «Medienmacht», «Kapital» und «Salon», geht es weiter mit Beiträgen von Umberto Eco, Madeleine Albright, Milton Friedman. Fritz J. Raddatz, Helmut Karasek, Frank A. Meyer und weiteren, durchweg bekannten Publizisten und Schriftstellern. Der Fotograf Jim Rakete hat viele der Bilder gemacht, die etwas schematisch meist auf der rechten Seite der Textseite gegenüberstehen. Anzeigen gibt es reichlich im 148 Seiten umfassenden Magazin.
Man sieht: «Cicero» will entscheidende Akteure und richtungsweisende Denker versammeln. Der publizistische «Salon», den Weimer sich wünscht, ist der Versammlungsort der Eliten, an dem Debattenführerschaft erzeugt werden soll. Sonderlich aufregend ist das trotz dem Aufgebot an Prominenz aber noch nicht. Weder bei den Themen noch bei den Meinungen erregt «Cicero» Aufmerksamkeit. Die deutsche Reformdiskussion wird noch einmal mit den sattsam bekannten Argumenten abgehandelt. Niemand verlässt das Gehege der politischen Korrektheit. Polemik, Satire, Ironie sind unterrepräsentiert. Es herrscht jener Leitartikelgestus vor, dem Klaus Harprecht im selben Heft einen Abgesang schreibt: «Manche seiner Spätblüten mögen uns noch entzücken. Alles in allem hält sich die Trauer über seinen Dahinschied in Grenzen.» So auch die Begeisterung über diese erste Nummer von «Cicero», die nach Weimers Willen dem recherchestarken «Atlantic Monthly» aus Boston nachstreben will, leider aber eher wie eine gedruckte Version von «Sabine Christiansen» wirkt.
Ringier ist nach Presseinformationen bereit, sich dieses Unternehmen acht Millionen Euro kosten zu lassen. Soll sich das Blatt durchsetzen, so muss es 50 000 Käufer finden, die monatlich sieben Euro zahlen. In einem Interview mit dem «Tagesspiegel» klang der Verleger wenig enthusiastisch: «Sollte sich nach sechs Monaten herausstellen, dass, sagen wir, nur 13 000 Menschen ‹Cicero› kaufen und das Blatt auch sonst nicht angenommen wird, bedeutet es das Aus.»
«dummy» auf anderen Wegen
«dummy», das Vierteljahresmagazin der beiden Journalisten Jochen Förster (früher «Stern») und Oliver Gehrs (ehemals «Tageszeitung» und «Süddeutsche Zeitung»), geht in Aufmachung und Inhalt einen ganz anderen Weg. Das Blatt (Auflage: 20 000 Exemplare) ist getrieben von einem unruhigen Hunger nach Wirklichkeit. Nicht diskursive Nachdenklichkeit wird hier gepflegt, sondern die journalistische Erkundung von Deutschland und der Welt. «dummy» erzählt Geschichten von Menschen und den Verhältnissen, in denen sie leben. Viele dieser Reportagen und Recherchen konnte man anderswo in Deutschland noch nicht lesen: So Steffie Kammerers Recherche der mysteriösen Verwicklung eines Sohns von Paul Auster in einen Mordfall im New Yorker Drogenmilieu oder den Bericht Jochen Försters über einen Franzosen, der in Nepal unter dem Verdacht des Massenmords an Hippies vor Gericht steht. Beide Texte sind in der gerade erschienenen zweiten Ausgabe des Ende 2003 gegründeten Magazins gedruckt, das «Verbrechen» als Thema hat. In seinem fast quadratischen Format und mit seiner grosszügigen Bebilderung ist «dummy» optisch ein Blickfang und inhaltlich eine Anthologie guter Geschichten, die hintereinander gedruckt werden, ohne dass eine der gängigen Gliederungen für Magazine erkennbar wäre.
Auch sonst widersetzt sich «dummy» den Imperativen des Magazinmachens. Es bringt Geschichten, die nicht immer einen aktuellen Bezug haben, und es lässt sich weder von festen Weltanschauungen dumm machen, noch pflegt es den Kult des Zynismus. Engagement ist möglich, Neugier Pflicht. «Wenn wir eine Haltung haben, dann ist es eine, die durch Sehnsucht nach Wichtigem und Überdruss am Lifestyle-Quatsch gekennzeichnet ist», sagt Jochen Förster. Er ist sicher, dass man so ein Blatt zurzeit nur in Berlin machen kann: «Nur hier gibt es so viele Journalisten, die bereit sind, sich durchzuwursteln, und nicht immer auf die Arrivierten schielen.»
«Monopol» und die Gegenwartskunst
Wie auch «Alert», das Magazin für lange und ruhige Interviews, wird «dummy» von Leuten gemacht, die in anderen Blättern keinen Platz für ihre Art zu Schreiben finden und die keine Lust mehr haben, sich auf Kompromisse einzulassen. «Monopol», die neue Zweimonatszeitschrift von Florian Illies («Generation Golf») und Amélie von Heydebreck, ist dagegen eine wohlkalkulierte Reaktion auf Veränderungen in der öffentlichen Kommunikation: «Im Verhältnis zwischen zeitgenössischer Kunst und Öffentlichkeit haben sich in den letzten Jahren Verschiebungen ergeben», sagt Florian Illies. Kunst und Leben sind in eine neue Beziehung zueinander gerückt, und mit dieser Beziehung will sich «Monopol» ab dem 1. April beschäftigen.
Anders als in herkömmlichen Kunstmagazinen, die immer auch die Kunstgeschichte berücksichtigen, geht es hier nur um die Arbeiten von Zeitgenossen, die in einem offenen, nicht bloss Spezialisten zugänglichen Kontext vorgestellt werden sollen. Deshalb stehen in der ersten Ausgabe Christian Krachts Reportage über den Cargo-Kult auf Vanuatu und die Geschichte eines spektakulären Mords an einem afrikanischen Maler. Früher einmal betrieb das Magazin «Spex» recht erfolgreich die Kritik der Popmusik als Zeitdiagnostik. Es sieht so aus, als wolle «Monopol» versuchen, den Zeitgeist in den Erzeugnissen der Gegenwartskunst aufzusuchen und zu beschreiben.
Auch dieses Magazin ist trotz seiner visuell aufwendigen Gestaltung das Unternehmen seiner Macher. Florian Illies und Amélie von Heydebreck sind zusammen mit fünf weiteren Investoren die Gesellschafter des Juno-Verlags, der «Monopol» mit einer Startauflage von 60 000 Exemplaren zum Einzelpreis von sieben Euro herausbringt. 10 000 Exemplare erhalten die Passagiere der Businessclass von Lufthansa.
«Qvest» und die Neugier auf Ungewohntes
Das Interesse am Visuellen prägt auch «Qvest», ein Magazin, das nicht nur das anspruchsvolle Lifestyle-Journal neu erfunden hat. Mitte 2001 als Einmannbetrieb entstanden, führt «Qvest» Mode, Lebensstil, Kunst und Kultur auf optisch überwältigende Weise zusammen. Anders als die nahezu textlosen Bilderblätter «sleek», ein aufwendiges «Highfashion»- und Fotomagazin, oder «Vorn», die Zeitschrift «für freie Gestaltung», ist «Qvest» eine voluminöse Zeitschrift mit klassischer Struktur. Die Modefotostrecken sind Bilderzählungen von ungewöhnlicher Brillanz. Architektur, Design und Film werden gediegen und sachkundig präsentiert. Die Interviews sind zurückhaltend geführt. Die Gesprächspartner sind Menschen mit relevanten kreativen Leistungen, nicht die Stars des Tages. Was sie in ihrer Arbeit umtreibt, steht im Vordergrund. Es gibt keine platten Zeitgeist-Ansagen. «Qvest» ist eine Verführung in die Welt der kreativen Gestaltung und unaufdringlicher Botschafter eines Lebensgefühls, das von grenzüberschreitender Neugier auf Fremdes und Ungewohntes geprägt ist. Mittlerweile hat Gruner und Jahr das gerade zum zweiten Mal mit dem Zeitschriftenpreis Lead Award ausgezeichnete Zweimonatsblatt (Auflage 50 000 Exemplare) übernommen.
«Demokratisierung» der Produktion
Überrascht steht der Leser am Kiosk dieser neuen Fülle und Opulenz gegenüber. Offenbar ist hier die Krise ins Produktive umgeschlagen. Das Bedürfnis nach Orientierung und verlässlicher Hintergrundinformation einerseits und der Wunsch, mit den vielfältigen visuellen Angeboten reflektiert umzugehen, anderseits, haben sich neue Medien gesucht. Technologischer Fortschritt hat sie auch ausserhalb der Grossverlage ermöglicht. «Magazine zu machen, ist heute überraschend preiswert», sagt Jochen Förster. Markus Peichl, Vorsitzender der Lead Academy, die den Lead Award verleiht, freut sich über diese publizistische «Demokratisierung»: «Mit Adobe Photoshop und Apple-Rechnern kann im Prinzip jeder eine Zeitschrift machen.» Und auf dem Arbeitsmarkt gibt es zurzeit genügend gute Journalisten, die für wenig Geld schreiben und fotografieren. Auffällig ist allerdings, dass das Interesse gerade der kreativen jungen Magazinmacher nicht den Feldern von Politik, Kultur und Wirtschaft im traditionellen Sinne gilt. Hier bleibt eine Lücke, die man sich nicht bloss als Leser bald geschlossen wünscht.
Heribert Seifert
Im Internet: www.cicero-magazin.de; www.dummy-magazin.de; www.alertmagazine.de; ww.qvest.de; www.monopol- magazin.de
