Marc Bartl | 2. Januar 2025 um 09:56
Jan Philipp Burgard (Foto: Andreas Hornoff)
Michael Hanfeld, Leiter des Medienressorts und stellvertretender Feuilleton-Chef der FAZ, fragt sich und seinen Interviewpartner Jan Philipp Burgard eingangs, ob der Gastbeitrag von Elon Musk ein journalistischer Scoop sei oder ob man damit nicht das Tor zur Hölle aufgestoßen habe, wenn man die Reaktionen in Deutschland betrachte. Musk, der als einer der einflussreichsten Menschen der Welt gilt, hat am vergangenen Wochenende in der Welt am Sonntag begründet, warum er den Standort Deutschland in Gefahr sieht und warum er ausgerechnet die AfD für den letzten Funken Hoffnung für Deutschland hält.
Für Burgard, der Neujahr als Chefredakteur der Welt-Gruppe begonnen hat, ist der Umgang mit der AfD nach eigener Aussage seit Jahren eine große Herausforderung für alle Journalisten. Nach seiner Auffassung hat die Strategie des Totschweigens, Tabuisierens, Ignorierens, Nichtbeachtens und der Pauschalkritik nachweislich nicht funktioniert. Die AfD sei bundesweit in den Umfragen zweitstärkste Partei. "Deshalb habe ich in diesem Jahr mit TV-Duellen wie dem zwischen Björn Höcke und Mario Voigt und dem zwischen Alice Weidel und Sahra Wagenknecht als journalistischen Zugang die argumentative Auseinandersetzung gewählt, erklärt Burgard im FAZ-Interview. Der nun erschienene Musk-Gastbeitrag in der WamS hat für ihn "einen großen Nachrichtenwert".
Burgard selbst hat einen Gegen-Kommentar zu dem Musk-Stück geschrieben, der zeitgleich erschienen ist. Auch dazu äußert er sich im FAZ-Interview: "Mit meiner entschiedenen Gegenrede, in der ich darlege, warum Musk sich in der AfD irrt, wollte ich eine Diskussion anstoßen. Und das ist gelungen. Wir haben eine weltweite Debatte über die Frage ausgelöst, welche Konsequenzen es hätte, wenn eine in Teilen rechtsextreme Partei in Deutschland Regierungsverantwortung bekäme." Sowohl Musks Thesen als auch Burgards Gegenargumente seien in so gut wie allen deutschen Medien sowie in bedeutenden internationalen Zeitungen von der New York Times über Le Figaro bis hin zur Times of India zitiert worden. Damit habe man einen Beitrag zur politischen Meinungsbildung geleistet, auf den man stolz sein könne.
Der Kritik von Politikern wie Friedrich Merz, Olaf Scholz und Robert Habeck über die Entscheidung, Musk diesen Raum zu geben, entgegnet Burgard: Auch andere hätten in früheren Jahren Wahlempfehlungen für Deutschland abgegeben. So habe der US-Milliardär George Soros die Grünen empfohlen. Bundeskanzler Olaf Scholz habe sich 2022 in einem Gastbeitrag für Le Monde zur Wahl von Staatspräsident Emmanuel Macron ausgesprochen. "Diese Doppelmoral empfinde ich als unerträglich", betont Burgard.
Die Axel-Springer-Führungskraft bekräftigt im Gespräch mit Michael Hanfeld, dass es die Aufgabe von Journalisten sei, Meinungen abzubilden, "auch solche, die nicht unseren eigenen und nicht unseren Werten entsprechen". So habe man in der Welt einen Gastbeitrag des slowenischen Philosophen Slavoj Zizek gedruckt, der sich offen zum Kommunismus bekenne. Man habe Sahra Wagenknecht und Gregor Gysi als Gastautoren gehabtg. "Wir wollen Debatten anstoßen, wir stehen für Klartext, Kontext, Meinungsfreiheit." Für Burgard ist es besorgniserregend, dass sich der Diskurs vieler Medien in Deutschland verenge.
Burgard zitiert in der FAZ auch den französischen Philosophen und Schriftsteller Voltaire: "Ich bin zwar anderer Meinung als Sie, aber ich würde mein Leben dafür geben, dass Sie Ihre Meinung frei aussprechen dürfen." Das sei sein Verständnis von Journalismus. "Unser Haus lehnt in seinen Grundwerten, die der Verlagsgründer Axel Springer definiert hat, Rechtsextremismus und Extremismus jeder Art ab und bekennt sich zu Europa", so Burgard weiter. "Wir befassen uns in der Welt seit Langem in Recherchen und Kommentaren kritisch mit der AfD. Aber wir sollten nicht so tun, als gäbe es die AfD und ihre Themen nicht. Wir sind schließlich Journalisten und keine Aktivisten."
Unter Burgards Ägide soll die Welt zum führenden Debattenmedium werden, das sich als Alternative zur Einbahnstraßenkommunikation der Social-Media-Kanäle begreift: "Wir werden auch in Zukunft veröffentlichen, was wir für relevant und diskussionswürdig halten - ob das einer Regierung oder einer Partei gefällt oder nicht."
Hanfeld fragt Burgard auch, wie es zu dem Gastbeitrag von Elon Musk gekommen sei. Der Welt-Gruppen-Lenker antwortet: "Unsere Gastautoren haben grundsätzlich einen Anspruch darauf, dass die Genese ihres Beitrags der Vertraulichkeit unterliegt. Das hält die FAZ mit ihren 'Fremden Federn' doch wahrscheinlich genauso." Hanfeld stimmt dem zu, lässt aber nicht locker: "Aber man könnte mutmaßen, dass Axel Springer als weltweit agierendes Medienhaus mit besonderem Interesse an den USA Elon Musk als Gastautor einlädt und damit auch eigene Interessen verbindet. Etwa indem sich der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner einschaltet."
Burgard beteuert: Die Entscheidung, den Text von Elon Musk zu drucken, habe man nach intensivem Austausch mit Redaktionsvertretern, etwa mit dem Redaktionsausschuss, innerhalb der Chefredaktion getroffen. "Und nirgendwo sonst. Es war auch ganz allein meine Entscheidung, dem Gastbeitrag von Elon Musk meine sehr entschiedene Erwiderung entgegenzusetzen."
Die Meinungschefin der Welt am Sonntag, Eva Marie Kogel, hatte daraufhin gekündigt (kress.de berichtete). Burgard sagt, dass er diese Entscheidung respektiere.
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