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Georg Simmel
(1858-1918)


Simmel, Georg, geb. 1858 in Berlin, Prof. daselbst, verstorben 1918 in Stra�burg.

Simmel verbindet die psychologisch-genetische, evolutionistische mit einer logisch-idealistischen, an Kant und Hegel orientierten, vielfach �dialektischen� Betrachtungs- und Denkweise. Das Erkennen enth�lt apriorische Faktoren, die aber (als Kategorien) eine Entwicklung durchmachen, nicht unver�ndert bleiben. Alle Formen und Methoden des Erkennens haben sich im Verlaufe der menschlichen Geistesgeschichte entwickelt und entwickeln sich weiter, so aber, da� das Erkennen eine formende, gesetzgebende Aktivit�t des Geistes bleibt, welche aus dem Chaos der Erlebnisse erst einen sinnvollen, verst�ndlichen, einheitlichen Zusammenhang gestaltet. Die Kategorien usw. stammen aus �der dem Geiste eigenen F�higkeit, zu verbinden, zu vereinheitlichen�, k�nnen aber als historische Gebilde die Totalit�t der Weltinhalte nie v�llig ad�quat aufnehmen. Das Ich hat die Funktion der Einheitsetzung, das Streben zur Einheit. Die Wahrheit ist, rein logisch, etwas Zeitloses, Absolutes, vom subjektiven Denken Unabh�ngiges, sie geh�rt dem �dritten Reich�, dem �Reich der ideellen Inhalte� an; diese Inhalte sind wahr, gleichviel ob sie gedacht werden oder nicht. Das Geistige bildet inhaltlich einen geschlossenen Zusammenhang, den unser individuelles Denken unvollkommen nachzeichnet. Die ideellen Inhalte sind nicht, sie gelten, sie sind nicht mit den psychologischen Vorg�ngen zu verwechseln. Anderseits hat die Wahrheit auch eine biologisch-evolutionistische Seite. Wahr sind hier jene Vorstellungen, die, als reale Kr�fte in uns wirksam, �uns zu n�tzlichem Verhalten veranlassen� (vgl. James). Durch Selektion haben sich bestimmte Vorstellungen als wahr erhalten, n�mlich jene, �die sich als Motive des zweckm��igen, lebenf�rdernden Handelns erwiesen haben� (vgl. Nietzsche). �Die N�tzlichkeit des Erkennens erzeugt zugleich f�r uns die Gegenst�nde des Erkennens.� Es gibt so viele prinzipielle �Wahrheiten�, als es verschiedene Organisationen und Lebensanforderungen gibt. Das Objektive und Wahre bedeutet die �gattungsm��ige Vorstellung�.

Auch in der Ethik verbindet Simmel die genetisch-relativistische Betrachtungsweise betreffs der empirischen Einzeltatsachen mit einem gewissen Apriorismus und Idealismus. So ist das Sollen etwas Urspr�ngliches und Objektives, als eine Forderung, die mit der Sache selbst gegeben ist, als ein �in dem Verh�ltnis von Seele und Welt pr�formiertes Sollen, das einer besonderen, aber nicht weniger �bersubjektiven Logik unterliegt, wie das Sein�. Unser Bewu�tsein empfindet Forderungen an sich, die es durch den Willen realisieren kann. Das Sollen schlechthin ist eine �Urtatsache�, eine �urspr�ngliche Kategorie�, mag auch der Inhalt des Sollens noch so wechseln und sozial-historisch bedingt sein. Tats�chlich sind es immer �historische Zust�nde der Gattung, die in dem Einzelnen zu triebhaftem Sollen werden�. Der �Wille der Gattung� kommt in uns zum Ausdruck, k�ndigt sich imperativisch an. Ein ungeheurer Teil der an uns gestellten Anspr�che ist sozialen Inhalts, ohne da� dadurch die Unbedingtheit des idealen Sollens �berhaupt, die �innere Logik ideeller Anspr�che� beeintr�chtigt wird. Das sittlich Gute besteht nicht im Anstreben des Gl�cks u. dgl. (gegen den Eud�monismus), sondern es ist eine �unmittelbare Qualit�t und Lebensform des Willensprozesses�. Etwas ist gut, weil und wofern es Inhalt eines an sich guten Willens ist. Die moralischen Imperative sind �Ausm�ndungen, Ausformungen, Substantialisierungen des guten Willens�. Die Sittlichkeit liegt nicht im Material des Willens, sondern in diesem selbst, in dessen Funktion. Das Ideal des sittlichen Verhaltens liegt im Unendlichen. Das Sollen kann sich an den verschiedensten Inhalten verwirklichen; die Einheit des Zieles ist nicht notwendig, es gen�gt die Einheit der psychologisch-ethischen Funktion, die den Zweck tr�gt. Urspr�nglich ist das sozial Erforderte die Norm des Verhaltens der Einzelnen. Den �kategorischen Imperativ� Kants kritisiert Simmel nach der Richtung der Vers�hnung des Individualismus mit der Allgemeinheit des Handelns. Das Gewissen ist nach Simmel gleichsam ein �r�ckw�rts gewandter Instinkt�; es ist die.Lust oder Unlust der Gattung �ber die Tat, die in uns zum Ausdruck kommt. Der Altruismus ist ebenso prim�r wie der Egoismus, er ist �Gruppenegoismus�, ein vererbter Instinkt. Sehr oft. �machen die Motivierungen unserer Handlungen... an Punkten Halt, die v�llig und definitiv au�erhalb unser selbst liegen�. Auch enth�lt das Ich noch eine F�lle von Motiven au�er dem �Gl�ck�. - Die Freiheit des Willens bedeutet, da� sich der Charakter des Ich ungehindert im Wollen auspr�gen kann, das Verm�gen, das f�r uns wertvolle Wollen realisieren zu k�nnen. Freiheit ist �Selbstbestimmung�, sie ist zugleich, weil das Ich nur so sein kann, wie es ist, Notwendigkeit. Die Verantwortlichkeit ist nicht aus der Willensfreiheit abzuleiten, sondern umgekehrt: �Derjenige ist frei, den man mit Erfolg verantwortlich machen kann.� Zurechnungsf�hig ist jemand, wenn die strafende Reaktion auf seine Tat bei ihm den Zweck: der Strafe erreicht. Die Grundfrage der Geschichtsphilosophie ist die: wie ist Geschichte m�glich? Geschichte ist nur durch Kategorien, apriorische Verbindungsformen m�glich, sie ist kategorial verbreitete Wirklichkeit und daher hat die Geschichtsphilosophie die �Apriorit�ten festzustellen und zu er�rtern, durch welche aus dem Erleben... Geschichte als Wissenschaft wird�. Die Kompliziertheit des historischen Geschehens gestattet nicht die Aufstellung eigener historischer Gesetze, wenn auch das Historische auf (biologisch- psychologischen) Gesetzm��igkeiten beruht. Das ganze Spiel der Geschichte ist die Folge, Erscheinung oder Synthese dieser prim�ren Gesetzm��igkeiten, geht aber nicht aus einem besonderen Gesetz hervor.

Die Soziologie ist die �Wissenschaft vom Gesellschaftlichen als solchen, von den Formen der Vergesellschaftung, von den Beziehungsformen der Menschen zueinander�. Die Soziologie ist keine Universalwissenschaft vom Menschen u. dgl., sondern eine besondere Methode; sie abstrahiert vom Inhalt des Gesellschaftlichen, achtet nur auf dieses, wie der Mathematiker etwa nur auf die geometrische Form, nicht auf das Material der K�rper achtet. Die Soziologie, hat die �Kr�fte, Beziehungen und Formen zum Gegenstand, durch die die Menschen sich vergesellschaften�, sie ist die �Lehre von dem Gesellschaft-Sein der Menschheit�. �Gesellschaft im weitesten Sinne ist offenbar da vorhanden, wo mehrere Individuen in Wechselwirkung treten. Die besonderen Ursachen und Zwecke, ohne die nat�rlich nie eine Vergesellschaftung erfolgt, bilden gewisserma�en den K�rper, das Material des sozialen Prozesses; da� der Erfolg dieser Ursachen, die F�rderung dieser Zwecke gerade eine Wechselwirkung, eine Vergesellschaftung unter den Tr�gern hervorruft, das ist die Form, in die jene Inhalte sich kleiden.� Solche Formen sind �ber- und Unterordnung, Konkurrenz, Arbeitsteilung usw.; wichtig sind besonders auch die kleinen, fl�chtigen Wechselwirkungen von Person zu Person. Die sozialen Verbindungen erwachsen aus bestimmten Trieben oder Willenstendenzen (Zielen), sind etwas Psychisches, aber nichts Psychologisches, denn die Soziologie hat es nicht mit psychologischen Vorg�ngen, sondern mit Inhalten solcher zu tun, mit Kombinationen soziologischer Kategorien, mit etwas Sachlichem. Es gibt keinen Gesamtgeist, wohl aber eine seelische Beeinflussung der Individuen durch ihre Vergesellschaftung. In der Gesellschaft herrscht Arbeitsteilung und Differenzierung, verbunden mit Integrierung, indem jede Befreiung zu einer neuen Bindung f�hrt. Die Religion wurzelt in den Gesamttendenzen der Pers�nlichkeit und ihrer Beziehung zum All.

  Schriften: Das Wesen der Materie nach Kants physischer Monadologie, 1881. - �ber soziale Differenzierung, 1890; 3. A. 1906, - Einleit. in die Moralwissenschaft, 1892-93; 2. A. 1901. - Die Probleme der Geschichtsphilosophie, 1892; 2. A. 1905; 3. A. 1907. - Philosophie des Geldes, 1900; 2. A. 1907. - Vorlesungen �ber Kant, 1904; 2. A. 1905. - Die Religion, 1906. - Schopenhauer u. Nietzsche, 1906. - Soziologie, 1908. - Hauptprobleme der Philosophie, 1910. - Das Problem der Soziologie, Schmollers Jahrb�cher, Bd. 18, 1894. - Skizze einer Willenstheorie, Zeitschr, f. Psychol. d. Sinnesorgane, Bd. 9, - Beitrag zur Erkenntnistheorie der Religion, Zeitschr. f. Philos., Bd. 118. - �ber eine Beziehung der Selektionslehre zur Erkenntnis, Archiv f. systemat, Philos., 1895. - �ber die Grundfrage des Pessimismus, Zeitschr. f. Philos., Bd. 90. - Zur Psychologie der Frau, Zeitschr. f. V�lkerpsychol, 1890, u. a.

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(Aus: Rudolf Eisler (1876-1927): Philosophen-Lexikon. Leben, Werke und Lehren der Denker, 1912)


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Seite zuletzt aktualisiert: 26.10.2004