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Ludwig Feuerbach  
(1804-1872)


Feuerbach, Ludwig, geb. 28. Juli 1804 in Landshut als Sohn des Kriminalisten Anselm von Feuerbach. 1823 studierte er in Heidelberg Theologie bei dem Hegelianer Daub, 1834 ging er nach Berlin, wo er besonders Hegel h�rte, 1828 wurde er Privatdozent f�r Philosophie in Erlangen. Nachdem er sich �fter vergeblich (wegen seiner Schrift �Gedanken �ber Tod u. Unsterblichkeit�, 1830) um eine Professur beworben, verheiratete er sich mit Bertha L�we und nahm (1836) seinen Wohnsitz im Dorfe Bruckberg (zwischen Ansbach und N�rnberg). Dezember 1848 bis M�rz 1849 hielt er im Heidelberger Rathaussaal Vorlesungen. In sehr ung�nstigen Verh�ltnissen lebend, �bersiedelte er 1860 nach dem Rechenberg bei N�rnberg und starb dort 13. September 1872.

Feuerbach ist der Begr�nder des neueren Naturalismus und Anthropologismus, indem er an die Stelle der Verehrung �bernat�rlicher Wesenheiten die Natur in ihrer Unendlichkeit setzt. Ausgegangen von Hegel, tritt er in Gegensatz zum absoluten Idealismus, indem er als das Wirkliche nicht die Idee, nichts Abstraktes, �bersinnliches, sondern das konkrete Sein setzt, welches wir �u�erlich und innerlich wahrnehmen. So vertritt Feuerbach einen Positivismus, Empirismus und Realismus. Insofern Feuerbach den Gegensatz von Spiritualismus und Materialismus durch Betonung des Einheitlichen im Menschen zu �berwinden sucht, ist seine Lehre �Anthropologismus�. �Gott war mein erster Gedanke, die Vernunft mein zweiter, der Mensch mein dritter und letzter Gedanke.�

In der Schrift �ber �Tod und Unsterblichkeit� ist Feuerbach noch idealistischer Pantheist. Die Realit�t des Geistes ist das Ewige. Der Mensch als Individuum ist nicht unsterblich, sein Tod ist ein wahrhafter Tod, bedeutet die Aufl�sung im unendlichen Sein. Die Unsterblichkeit kommt nur dem allgemeinen Geist zu und dem Ganzen der Menschheit, in welchem wir als Erinnerung weiterleben.

Die Hauptbedeutung Feuerbachs liegt in seiner Religionsphilosophie, deren Methode die psychologisch-kritische ist. Scharf betont Feuerbach den Gegensatz zwischen Theologie und Wissenschaft; erstere hat den Willen, letztere die Idee zur Grundlage. In der Religion spielt die Phantasie, das Irrationale eine gro�e Rolle; das Dogma als solches ist vernunftwidrig, der Glaube hat sein eigenes Prinzip. Es gilt, den Inhalt des religi�sen Glaubens auf seine psychologische Wurzel zur�ckzuf�hren, zu zeigen, da� alle Theologie �Anthropologie� ist. Die Religion ist aber deshalb nicht eine wertlose Illusion. �Die Religion ist der Traum des menschlichen Geistes. Aber auch im Traume befinden wir uns nicht im Nichte oder im Himmel, sondern auf der Erde - im Reiche der Wirklichkeit, nur da� wir die wirklichen Dinge nicht im Lichte der Wirklichkeit und Notwendigkeit, sondern im entz�ckenden Scheine der Imagination und Willk�r erblicken.� Die Religion ist �das Bewu�tsein des Menschen von seinem, und zwar nicht endlichen, beschr�nkten, sondern unendlichen Wesen�. Der Mensch kann nicht �ber sein wahres Wiesen hinaus. Wie er denkt und gesinnt ist, so ist sein Gott. �Das Bewu�tsein Gottes ist das Selbstbewu�tsein des Menschen.� Das g�ttliche Wesen ist �das Wesen des Menschen, abgesondert von den Schranken des individuellen, d.h. wirklichen, leiblichen Menschen, vergegenst�ndlicht, d.h. angeschaut und verehrt als ein anderes, von ihm unterschiedenes, eigenes Wesen�.

Gott ist �das verg�tterte Wesen des Menschen�, das �offenbare Innere, das ausgesprochene Selbst des Maischen�. Die G�tter sind Wunschwesen, �die als wirklich gedachten, die in wirkliche Wesen verwandelten W�nsche des Menschen�. In den Dogmen liegen lauter realisierte W�nsche vor. Die Abh�ngigkeit vom All, aus der die Religion entspringt, zeitigt diese als ein Mittel, unseren Gl�ckseligkeitstrieb zu befriedigen. Gott ist die Liebe, die unsere W�nsche erf�llt; diese Liebe ist die hypostasierte Liebe des Menschen zu sich selbst. �Die Liebe ist die wahre Einheit von Gott und Mensch, von Geist und Natur.� Der Glaube ist das Bewu�tsein dessen, was dem Menschen heilig ist und so ist Gott f�r den Menschen �das Kollektaneenbuch seiner h�chsten Empfindungen und Gedanken�. �Gott ist das von aller Widerlichkeit befreite Selbstgef�hl des Menschen.� �Die Grunddogmen des Christentums sind erf�llte Herzensw�nsche - das Wesen des Christentums ist das Wesen des Gem�ts.� �Christus ist die Allmacht der Subjektivit�t, das von allen Banden und Gesetzen der Natur erl�ste Herz.� �Die Religion ist das Verhalten des Menschen zu seinem eigenen Wesen - darin liegt ihre Wahrheit und sittliche Heilkraft - , aber zu seinem Wesen nicht als dem seinigen, sondern als einem �ndern, von ihm unterschiedenen, ja entgegengesetzten Wesen - darin liegt ihre Unwahrheit, ihre Schranke, ihr Widerspruch mit Vernunft und Sittlichkeit�. Der wertvolle Kern der Religion ist die Liebe zur Menschheit als Gattung, zum reinmenschlichen Wesen, In der Liebe ist Erl�sung des Menschen gegeben. Jeder hat Religion, der �einen Zweck hat, einen Zweck, der an sich wahr und wesenhaft ist�. Endzweck ist �die Einheit von Natur und Geist im Menschen�. �Vernunft, Liebe, Willenskraft sind Vollkommenheiten, sind die h�chsten Kr�fte, sind das absolute Wesen des Menschen als Menschen und der Zweck seines Daseins.� Die Vollkommenheit und Unendlichkeit der Gattung ist das G�ttliche im Menschen.

Feuerbach ist ein Gegner der �absoluten�, �immateriellen� Spekulation. �Ich brauche zum Denken die Sinne, vor allem die Augen, gr�nde meine Gedanken auf Materialien, die wir uns stets nur vermittelst der Sinnent�tigkeit aneignen k�nnen, erzeuge nicht den Gegenstand aus dem Gedanken, sondern umgekehrt den Gedanken aus dem Gegenstande, aber Gegenstand ist nur, was au�er dem Kopfe existiert.� �Ich bin Idealist nur auf dem Gebiete der praktischen Philosophie.� �Kurz, die Idee ist mir nur der Glaube an die geschichtliche Zukunft, an den Sieg der Wahrheit und Tugend.� Theoretisch aber gilt nur der Realismus und der (kritische, die Leistung des Denkens betonende) �Sensualismus�. Feuerbachs Philosophie macht zu ihrem Prinzip �das wahre 'Ens realissimum', den Menschen, also das positivste Realprinzip�. Mit dem Wirklichen, Bestimmten, Endlichen hat es die Philosophie zu tun, mit dem Sinnenf�lligen, dem Konkreten. �Die Philosophie ist die Erkenntnis dessen, was ist.� Das Wirkliche ist das �Sinnliche� (im weitesten Sinne: das in letzter Linie Anschauliche). Da� Sinnliche ist die �wahre, nicht gedachte und gemachte, sondern existierende Einheit des Materiellen und Geistigen�. �Nur ein sinnliches Wesen ist ein wahres, ein wirkliches Wesen.� Auch das Ich ist ein sinnliches Wesen; der Leib in seiner Totalit�t ist mein Ich, mein Wesen selber. Geistiges und K�rperliches sind nur zwei Seiten desselben Dinges, des Organismus. Sinnlich - d.h. f�r die Sinne des Naturforschers, f�r den Blick des Philosophen gegeben - ist auch die Natur als das Unendliche, von dem wir abh�ngig sind. Die menschlichen Empfindungen haben metaphysische Bedeutung, wir erfassen durch sie das physische Sein wie die psychischen Zust�nde unserer Mitmenschen. Unsere Empfindungen sind objektiv bedingt. Der Begriff des Objektes ist urspr�nglich der Begriff eines anderen Ichs. Die Liebe ist der wahre Beweis vom Dasein �u�erer Dinge. Raum und Zeit sind objektive Formen der Existenz der Dinge.

Die Wissenschaft ist �das Bewu�tsein der Gattungen�. �Wahr ist, was mit dem Wesen der Gattung �bereinstimmt, falsch, was ihr widerspricht. Ein anderes Gesetz der Wahrheit gibt es nicht.� �bereinstimmung mit den Nebenmenschen ist das erste Kennzeichen der Wahrheit, weil die Gattung das letzte Ma� der Wahrheit ist. Die Wissenschaft ist �ein gemeinschaftlicher Akt der Menschheit�. Die Vernunft, ist ein Kulturprodukt, ein Produkt der menschlichen Gesellschaft. �Nur in der Rede, einem gemeinsamen Akte, entsteht die Vernunft. Fragen und Antworten sind die ersten Denkakte. Zum Denken geh�ren urspr�nglich zwei.� - �Gemeinschaftliches Leben nur ist wahres, in sich befriedigtes, g�ttliches Leben.�

Die (altruistische) Moral kann nur aus der Verbindung von Ich und Du abgeleitet werden, aus der beide umfassenden Gl�ckseligkeit. �Mein Recht ist mein gesetzlich anerkannter Gl�ckseligkeitstrieb, meine Pflicht ist der mich zu seiner Anerkennung bestimmende Gl�ckseligkeitstrieb des �ndern� (Werke X, 66).

Von Feuerbach beeinflu�t sind sein Bruder Friedrich Feuerbach (Grundz�ge d. Religion d. Zukunft. 1843-45), K. Beyer. K. Gr�n, K. N. Starcke, L. Knapp, Moleschott, D. Fr. Strau�, K. Marx u. a., ferner W. Bolin, Fr. Jodl u. a.

 

Schriften: De ratione una, universali, infinita, 1828. - Gedanken �ber Tod u. Unsterblichkeit (anonym), 1830; 3. A. 1876. - Geschichte d. neueren Philosophie, 1833; 2. A. 1844. - Darstellung, Entwicklung n. Kritik d. Leibnizschen Philosophie, 1837. - P. Bayle, 1838; 2. A. 1844. - �ber Philos. n. Christentum, 1839. - Das Wesen des Christentums (Hauptwerk), 1841; auch in der Univ.- Bibl. - Vorl�ufige Thesen zur Reform der Philos., 1842. - Grunds�tze d. Phil. d. Zukunft, 1843. - Das Wesen der Religion, 1845-2. A. 1849, 1908. - Vorlesungen �ber d. Wesen d. Religion. Theogonie, 1857. - Gottheit, Freiheit n. Unsterblichkeit. - S�mtliche Werke, 1846-83; hrsg. von Bolin u. Jodl 1903 ff. - Briefe von und an L. Feuerbach, hrsg. von Bolin, 1904. - Vgl. K. GR�N, L. Feuerbach, 1874. - FR. ENGELS, L. Feuerbach, 1888. - W. BOLIN. Feuerbach, 1891. - FR. JODL, L. Feuerbach, 1904 (Frommans Klassiker der Philosophie). - A. KOHUT, L. Feuerbach, 1909.

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(Aus: Rudolf Eisler (1876-1927): Philosophen-Lexikon. Leben, Werke und Lehren der Denker, 1912)


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Seite zuletzt aktualisiert: 09.09.2005