
David Hume
(1711-1776)
Hume, David, geb. 26. April 1711 in Edinburg, studierte daselbst Jurisprudenz, lebte 1734-1737 in Frankreich, schrieb dort den �Treatise�, und kehrte dann nach Schottland zur�ck, wo er �Essays� ver�ffentlichte. 1745 war er Gesellschafter des Lord Annandale, ging 1747 als Sekret�r des Generals Sinclair nach Wien und Turin, von wo er 1749 nach Schottland zur�ckkehrte, nachdem er den �Treatise� umgearbeitet und aus einem Teil davon den �Enquiry� verfa�t hatte. 1752-1757 war Hume Bibliothekar in Edinburg, wo er seine �Geschichte Englands� (1763) herausgab. Als Sekret�r des Grafen von Hertford kam Hume 1763 nach Paris und verkehrte dort mit Rousseau und den Enzyklop�disten; mit Rousseau, der ihn nach England begleitete, befreundete er sich, entzweite sich aber bald mit ihm, infolge der Empfindlichkeit des Genfer Philosophen. 1767 wurde Hume Unterstaatssekret�r, aber schon nach zwei J�hren zog er sich ins Privatleben zur�ck (1769) und starb am 25. August 1776 in Edinburg.
Hume hat Lockes Empirismus und Berkeleys Idealismus zu einem Positivismus weitergebildet, der insofern �Skeptizismus� ist, als er die M�glichkeit metaphysischer Erkenntnis bestreitet und auch innerhalb der Wissenschaft (mit Ausnahme der Mathematik) keine apriorische, von vornherein absolut gewisse Erkenntnis anerkennt. Hume analysiert die Erkenntnis, besonders die fundamentalen Begriffe der Kausalit�t und der Substanz, und kommt hierbei zu dem Ergebnis, da� nichts als real anzunehmen ist, was nicht auf �u�ere oder innere Erfahrung - auf �Eindr�cke� beider - sich gr�ndet und da� sichere Erkenntnis nicht weiter reicht als Erfahrung, also nicht ins Transzendente, mag dessen Existenz auch feststehen. Im ganzen steht Hume auf dem Boden des Ph�nomenalismus und Psychologismus. Hume vertritt, wie er sagt, einen �milderen�, �akademischen� Skeptizismus, der alles die Erfahrung �bersteigende als m��ig und unwi�bar zur�ckweist und auf die Erfahrung und die praktische Beherrschung der Natur verweist. Die letzten Ursachen der Dinge sind unerkennbar.
Eine genaue Zergliederung der Kr�fte und F�higkeiten des Verstandes ist notwendig. Der Ursprung unserer Begriffe ist zu ermitteln, die �secrets springs and principles� des Verstandes sind aufzudecken, damit die Grundlagen und Grenzen unserer Erkenntnis gefunden werden. �berall ist nach dein prim�ren Erlebnis (�impression�) zu suchen, aus dem ein Begriff hervorgeht; findet sich kein solches Erlebnis, dann handelt es sich um einen Scheinbegriff. Eindr�cke (Impressionen) und Ideen (Vorstellungen, Begriffe) als �Kopien� jener machen den Bestand des geistigen Lebens aus. Unter �Eindruck� (impression) versteht Hume jedes prim�re Erlebnis wie Empfindung, Gef�hl, Streben. Es gibt einfache und zusammengesetzte, urspr�ngliche und reflektive Eindr�cke. Aus Eindr�cken stammen alle Vorstellungen und Begriffe (ideas), die von jenen nur durch ihre geringere Lebhaftigkeit und Frische unterschieden sind. Die Ideen sind �faint images�, Kopien der Eindr�cke. Die Vorstellungen verbinden sich gem�� ihrer Assoziation, einer Art �Anziehung in der geistigen Welt�. Die Assoziation ist das Prinzip des �erleichterten �berganges von einer Idee zur �ndern� und das verkn�pfende Band der Ideen. Sie erfolgt nach �hnlichkeit, raum-zeitlicher Ber�hrung (contiguity), Kausalit�t. Ein Begriff entsteht, indem mit einer Vorstellung eine Gewohnheit sich verbindet, �hnliche Vorstellungen zu reproduzieren: In nominalistischer Weise erkl�rt Hume, eine Einzelvorstellung werde zu einer allgemeinen nur durch ihre Verbindung mit einem allgemeinen Ausdruck. Das Denken besteht in einem Verbinden und Vergleichen von Ideen, im Auffinden der Beziehungen zweier Objekte; es ist nicht sch�pferisch, nur zusammensetzend.
Eine apriorische Erkenntnis von Tatsachen ist unm�glich, alle Tatsachenerkenntnis ist empirisch, durch Erfahrung bedingt. Hingegen gibt es eine apriorische, unmittelbare, von der Existenz des Beurteilten ganz unabh�ngige Beurteilung von Relationen (vgl. Meinong). �S�tze dieser Art sind durch die reine T�tigkeit des Denkens zu entdecken, ohne von irgend einem Dasein in der Welt abh�ngig zu sein. Wenn es auch niemals einen Kreis oder ein Dreieck in der Natur gegeben h�tte, so w�rden doch die von Euklid demonstrierten Wahrheiten f�r immer ihre Gewi�heit und Evidenz behalten� (Enquir. IV). So ist die Mathematik eine demonstrativ-apriorische, analytische, deduktive Wissenschaft, denn sie hat es nur mit einer Art der Relationen; nicht mit wirklichen Dingen zu tun, und so ist hier die Vernunft imstande, apriorisch und apodiktisch zu schlie�en. �hnlichkeit, Widerstreit, Qualit�tsgrade, Quantit�t und Zahl werden durch reines Denken festgestellt und haben absolute Gewi�heit.
Tatsachen hingegen sind nicht durch reines Denken zu erkennen, auch bleibt das Gegenteil jeder Tatsache immer m�glich. Tatsachen sind nur durch Erfahrung erkennbar. Worin besteht nun diese Erfahrung? In einer Folgerung von Tatsachen aus anderen am Leitfaden der Kausalit�t. Welchen Ursprung und Geltungswert hat nun das Kausalprinzip? Nach Hume ist die urs�chliche Verbindung weder aus reiner Vernunft noch aus der objektiven Erfahrung zu entnehmen. Wir sind nicht imstande, a priori eine bestimmte Wirkung aus dem Begriff einer Ursache abzuleiten, mit absoluter Notwendigkeit und Evidenz darzutun, da� und warum, weil A auftritt, B mit ihm verkn�pft sein mu�. Die Regelm��igkeit und Gleichf�rmigkeit des bisherigen Geschehens beweist nicht, da� sie auch in Zukunft statthaben mu�, wenn wir sie auch erwarten; sie ist nicht logisch begr�ndet. Das Prinzip unseres kausalen Erkennens ist nicht die Vernunft, sondern die Gewohnheit, die �gro�e F�hrerin im menschlichen Leben�. Sie allein gestaltet unsere Erfahrungen nutzbringend. Ein �nat�rlicher Instinkt� treibt uns zum Glauben an konstante Kausalverkn�pfung und Gesetzm��igkeit: er ist notwendig zur Erhaltung des Menschen, ist biologisch zweckm��ig. Wir sind in allen Kausalurteilen auf die Beobachtung und Erfahrung angewiesen, welcher wir die einzelnen, speziellen Gesetze entnehmen. Aber die Erfahrung - �u�ere und innere - zeigt uns nichts von einer Kraft, von einem inneren Bande, welches notwendig die Wirkung aus der Ursache hervorgehen l��t; ein besonderer �Eindruck� der Urs�chlichkeit, ein Kausalerlebnis findet sich nirgends. Erst in der subjektiven Verbindung der Wahrnehmungen und Vorstellungen liegt das Kausale und dieses ist, rein empirisch genommen, nur ein regelm��iges Aufeinanderfolgen von Ereignissen, nichts mehr. Die Art und Weise, wie und wodurch etwas wirkt, ist uns v�llig unbekannt. Wir kennen nur - auch bei unseren Willensakten - eine Aufeinanderfolge, erkennen nicht ein Bewirken. Die Kraft, durch die etwas erfolgt, ist �berall verborgen, gegeben ist nur eine mehr oder weniger konstante Beziehung zwischen Vorg�ngen. Wir kennen Zusammenh�nge (conjunction), aber keine innere Verkn�pfung (connexion). Das Plus, den inneren Zusammenhang, das �Durch�, die notwendige Verkn�pfung legen wir selbst in die Objekte hinein. So ist die Kausalit�t rein subjektiven, psychologischen Ursprungs, ein Produkt der Gewohnheit, indem auf Grund wiederholter, konstanter Assoziation zwischen zwei Vorstellungen A und B das Auftreten der einen ein Gef�hl subjektiver Notwendigkeit erzeugt, zur anderen �berzugehen, sie zu erwarten. Erst dieses �berzeugungsgef�hl, dieser feste �Glaube� (belief), die Vorstellung B werde wieder auftreten, macht aus dem post hoc ein propter hoc, welches letztere nichts objektiv Erfahrbares ist. Der �Glaube�, auf den sich Hume beruft, ist ein lebhaftes, intensives �berzeugungsgef�hl, das sich an Vorstellungen und deren Ablauf kn�pft, nicht etwa eine blo�e Vermutung. Ungeachtet dieses subjektiven Ursprungs des Kausalprinzips aus Assoziation, Gewohnheit und �Glauben� k�nnen und m�ssen wir es doch f�r Erfahrungsobjekte gebrauchen, auch zu immer allgemeineren Ursachen und Gesetzen aufsteigen, ohne aber �ber metaphysische, transzendente �Ursachen� und Kr�fte das Geringste ausmachen zu k�nnen (Positivismus). Der einzige unmittelbare Nutzen der Wissenschaften besteht darin, �uns die Beherrschung und Regelung k�nftiger Ereignisse durch ihre Ursachen zu lehren� (Aktivismus).
Mag auch eine Realit�t au�er uns bestehen, so ist doch auch der Ursprung des Ding- und Objektsbegriffs ein subjektiv-psychologischer. Gegeben sind nur �Perzeptionen� (Wahrnehmungsinhalte) in bestimmter Verbindung (wie nach Berkeley). Die Einbildungskraft erst macht daraus dauernde und selbst�ndige Dinge, auf Grund der Konstanz (constancy) und des Zusammenhanges (coherence) der Wahrnehmungskomplexe. Da der Geist �einmal im Zuge ist, in den Gegenst�nden auf Grund der Beobachtung Gleichf�rmigkeit anzunehmen, so ist es ihm nat�rlich, damit fortzufahren, so lange, bis er die Gleichf�rmigkeit in eine m�glichst vollkommene verwandelt hat. Zu diesem Zweck gen�gt aber die einfache Annahme der dauernden Existenz der Gegenst�nde�. Aus der �hnlichkeit von Wahrnehmungen macht die Einbildungskraft eine Identit�t derselben und beseitigt die scheinbare Unterbrechung der Wahrnehmung durch Erdichtung eines dauernden Dinges. So ist auch der Begriff der Substanz (den Berkeley noch f�r die innere Erfahrung aufrecht erhielt) eine Fiktion der Einbildungskraft, f�r die er ein Prinzip der Vereinheitlichung und Verbindung ist. Die Idee der Substanz ist nur �ein Zusammen einfacher Vorstellungen ( collection of simple ideas), die durch Einbildungskraft (imagination) vereinigt (united) worden sind, und einen besonderen Namen erhalten haben�. Die Perzeptionen bed�rfen aber keiner Substanz als Tr�ger, sie existieren selbst�ndig in ihren Komplexen. Auch die Seele oder das Ich ist keine Substanz, sondern ein B�ndel fortw�hrend wechselnder Vorstellungen und Gef�hle (�a bundle of perceptions in a perpetual flux and movement�). Es ist dies der �aktualistische� Seelenbegriff. Diese �skeptischen� Betrachtungen �ber Ding, Substanz, Ich finden sich im �Treatise�, nicht mehr im �Enquiry.� Von Wichtigkeit ist, da� Hume dort, wo er eine logische Grundlage fundamentaler Begriffe wie Kausalit�t und Ding nicht findet, doch die biologische Notwendigkeit und N�tzlichkeit ihres Gebrauchs betont (vgl. Mach u. a.).
Unter �Moralphilosophie� versteht Hume die Wissenschaft von der menschlichen Natur, die Geisteswissenschaft �berhaupt. In ausf�hrlicher Weise untersucht er die Affekte, Neigungen und Leidenschaften und betont, da� die Vernunft f�r sich allein nicht das Handeln bestimmen kann; jedes Motiv ist ein Gef�hl oder Affekt. Auch das Wollen ist eine Wirkung des Gef�hls. Die Freiheit des Menschen ist nur die Freiheit zu handeln, die F�higkeit willensgem�� t�tig zu sein (�a power of acting or not acting, according to the determination of the will�). Gleiche Motive f�hren zu gleichen Akten; die Verkn�pfung zwischen Motiv und Handlung ist eine regelm��ige und gleichf�rmige, der Wille ist durch Umst�nde, Motive, Charakter bestimmt. Die Quelle der Moral ist die Sympathie als die F�higkeit, sich in die Gem�tslage anderer hineinzuversetzen. Die sozialen Gef�hle sind ebenso urspr�nglich wie die selbstischen. Die Tugend ist eine geistige Eigenschaft oder Handlung, welche in dem unbeteiligten Zuschauer ein Gef�hl des Beifalls erregt (�whatever mental action or quality gives to a spectator the pleasing sentiment of approbation�). Das sittlich Rechte wird unmittelbar wahrgenommen, gef�hlt und beurteilt; es bezieht sich in erster Linie auf das Gesamtinteresse.
Von Bedeutung ist auch die Religionsphilosophie Humes. Er leitet die Religion aus der Sorge um das Leben, aus Hoffnung, Furcht und Schrecken und dem Anthropomorphismus ab, welche zuerst zum Poly-, dann zum Monotheismus f�hrt. Der Mensch hat einen Hang, an eine unsichtbare intelligente Macht zu glauben. Den Glauben an Wunder kritisiert Hume scharf, mit dem Hinweise darauf, da� jedes Wunder eine Verletzung von Naturgesetzen bedeutet, der Erfahrung widerspricht und nicht gen�gend beglaubigt ist. In religi�sen Dingen verbleibt Hume (gegen�ber dem Deismus) in skeptischer Haltung. Eine Unsterblichkeit der Seele ist zweifelhaft. �Unsere Empfindungslosigkeit vor der Zusammensetzung des K�rpers scheint f�r die nat�rliche Vernunft einen gleichen Zustand nach der Aufl�sung zu beweisen.�
Von Hume unmittelbar beeinflu�t ist Ad. Smith. Teilweise eine Reaktion gegen seine Lehren bedeutet die Schottische Schule (Reid u. a.). Von Hume aus seinem �dogmatischen Schlummer� geweckt wurde, nach seinem eigenen Zeugnis, Kant, der aber an die Stelle der psychologischen die transzendental-logische Wurzel der Erkenntnis sucht. Weitergebildet wurde der Humesche idealistische Positivismus von J. St. Mill u. a., teilweise auch von E. Mach u. a., so da� von einem �Neu-Humismus� geredet werden kann.
Schriften: Treatise on human nature, 1739-40, 1874; I, deutsch von Lipps 1895, 2. A. 1904; II, 1906. - Enquiry concerning human understanding, 1748; deutsch 1755, 1793, 1869 (Kirchmann), 1893 (Nathanson) und in der Philos. Bibliothek, neu von R. Richter. - Enquiry concerning the principles of morals, 1751; 1902; 1908; deutsch Ton Masaryk, 1883. - The natural history of religion, 1755; deutsch 1909 (Anfange u. Entwicklung der Religion). - Essays and treatises, 1770 (enth�lt u. a. die Essays von 1741). - Dialogues concerning natural religion, 1779; deutsch 1781. - Essays on suicide and the immortality of soul, 1783, 1789 (Drei Dialoge �ber nat�rliche Religion, �ber Selbstmord und Unsterblichkeit, deutsch von Paulsen, 3. A. 1905). - Works, 1827, 1836, 1856, 1874, 1898 (von Green und Grose). - Selbstbiographie, 1777. - Vgl. JODL, Humes Lehre von der Erkenntnis, 1871; Leben und Philosophie D.Humes, 1872. - A. MEINONG, Hume-Studien, 1877-1882. - W. KNIGHT, Hume, 1886. - GIZYCKI, Die Ethik D. Humes, 1878. - HEDVALL, Humes Erkenntnistheorie, 1900.
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(Aus: Rudolf Eisler (1876-1927): Philosophen-Lexikon. Leben, Werke und Lehren der Denker, 1912)