
3. Kapitel
Ob der allgemeine Wille irren kann
Aus dem Vorhergehenden ergibt sich, dass der allgemeine Wille best�ndig der richtige ist und immer auf das allgemeine Beste abzielt, daraus folgt jedoch nicht, dass Volksbeschl�sse immer gleich richtig sind. Man will stets sein Bestes, sieht jedoch nicht immer ein, worin es besteht. Das Volk l�sst sich nie bestechen, wohl aber oft hinter das Licht f�hren, und nur dann scheint es B�ses zu wollen.
Oft ist ein gro�er Unterschied zwischen dem Willen aller und dem allgemeinen Willen; letzterer geht nur auf das allgemeine Beste aus, ersterer auf das Privatinteresse und ist nur eine Summe einzelner Willensmeinungen. Zieht man nun von diesen Willensmeinungen das Mehr und Minder, das sich gegenseitig aufhebt, ab, so bleibt als Differenzsumme der allgemeine Wille �brig.
H�tten bei der Beschlussfassung eines hinl�nglich unterrichteten Volkes die Staatsb�rger keine feste Verbindung untereinander, so w�rde aus der gro�en Anzahl kleiner Differenzen stets der allgemeine Wille hervorgehen, und der Beschluss w�re immer gut. Wenn sich indessen Parteien, wenn sich kleine Genossenschaften zum Nachteil der gro�en bilden, so wird der Wille jeder dieser Gesellschaften in Beziehung auf ihre Mitglieder ein allgemeiner und dem Staate gegen�ber ein einzelner; man kann dann sagen, dass nicht mehr soviel Stimmberechtigte wie Menschen vorhanden sind, sondern nur so viele, wie es Vereinigungen gibt. Die Differenzen werden weniger zahlreich und f�hren zu einem weniger allgemeinen Ergebnis. Wenn endlich eine dieser Vereinigungen so gro� ist, dass sie �ber alle anderen das �bergewicht davontr�gt, so ist das Ergebnis nicht mehr eine Summe kleiner Differenzen, sondern eine einzige Differenz; dann gibt es keinen allgemeinen Willen mehr, und die Ansicht, die den Sieg davontr�gt, ist trotzdem nur eine Privatansicht.
Um eine klare Darlegung des allgemeinen Willens zu erhalten, ist es deshalb von Wichtigkeit, dass es im Staate m�glichst keine besonderen Gesellschaften geben und jeder Staatsb�rger nur f�r seine eigene �berzeugung eintreten soll. Deshalb war die auf diesem Grundsatze beruhende Einrichtung des gro�en Lykurg so einzig in ihrer Art und so erhaben. Gibt es nun solche besondere Gesellschaften, so muss man ihre Anzahl vermehren und ihrer Ungleichheit vorbeugen, wie Solon, Numa und Servius Tullius taten. Diese Vorsichtsma�regeln k�nnen es einzig und allein bewirken, dass der allgemeine Wille immer klar ersichtlich ist, und das Volk sich nicht irrt.